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»Stadtgeschichte im Überblick

Frühmittelalter 7. bis 10. Jahrhundert

Gallus – St.Gallen
Der Name «St.Gallen» geht auf den heiligen Gallus zurück. Gemäss Überlieferung gehörte er einer Mönchsgruppe an, die durch weite Teile Europas pilgerte und missionierte. Um 610 gelangte er nach Arbon und Bregenz am Bodensee, von wo er sich nach einer Erkrankung in die Einsiedelei des noch unerschlossenen Gebiets des späteren St.Gallen zurückzog. Als er zusammen mit seinem Gefährten Hiltibod rastete und sich zum Gebet zurückzog, soll er gestrauchelt sein. Gallus deutete dies als Weisung Gottes, hier seine Einsiedlerzelle zu errichten. Der folgenden, eben­falls in der Heiligengeschichte überlieferten Begebenheit verdanken Kloster und Stadt St.Gallen ihr Wappentier: Bei der Rast stand Gallus unvermittelt einem Bären gegenüber. Er befahl diesem, Holz zu sammeln und ins Feuer zu legen und danach aus dem Tal zu weichen. Der Bär gehorchte. Diese Geschichte soll die überirdischen Kräfte des Heiligen ausrücken, der nun hier sein Missionswerk begann.

Klostergründung
Rund achtzig Jahre nach dem Tod von Gallus gründete Otmar (um 689 –759) an der Stelle der Einsiedelei ein Kloster, das 747 die Benediktinerregel an­nahm. Das Kloster kam im 8. und 9. Jahrhundert durch Güterübertragungen zu einem weit verstreuten Grundbesitz, den es durch Rodung und herrschaftliche Erfassung des Umlands vergrössern konnte. Zum herrschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg kam eine einzigartige kulturelle Entfaltung. Im so genannten Goldenen Zeitalter des Klosters vom 9. bis 11. Jahr­hundert wurde die Abtei St.Gallen zu einem weit ausstrahlenden kulturellen Mittelpunkt. Aus dieser Blütezeit stammen hervorragende Zeugnisse mittelalterlicher Schreibkultur, die heute den Kernbestand des Stiftsarchivs und der Stiftsbibliothek bilden.


Hoch- und Spätmittelalter 10. bis 14. Jahrhundert

Erste Niederlassungen
Das Kloster als herrschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum wurde schon früh zu einem Anziehungspunkt für Menschen, die sich in seiner Umgebung niederliessen. Erste schriftliche Hinweise auf eine langsam um die Abtei wachsende weltliche Siedlung finden sich für das 10. Jahrhundert. Zu diesen Zeugnissen gehört, dass nach 950 das Kloster und seine nächste Umgebung mit einer festen Mauer eingefasst wurden. Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der heranwachsen­den Stadt St.Gallen belegen Urkunden von 1170 und 1228, die das Marktrecht beziehungsweise einen Marktplatz bezeugen. Ausdruck der Anfänge einer kommunalen Entwicklung sind die ersten Belege für «cives», Bürger der Stadt, die ebenfalls auf diese Zeit zurückgehen.

Emanzipation
Im Laufe des 13., 14. und 15. Jahrhunderts gelang der Stadt St.Gallen, die wie die Stadt Wil, das Fürsten­land und das Appenzellerland zum Kern­gebiet des Klosters gehörte, die Emanzipation von dessen Herrschaft. Ausdruck dafür war, dass sich die Stadt Rechte und Freiheiten aneignen konnte: Auf 1281 datiert eine königliche Urkunde, die der Bürgerschaft zusicherte, nur von ihrem eigenen Richter belangt zu werden. Auf 1291 geht eine Urkunde zurück, welche die Anfänge städtischer Gesetzgebung belegt. In dieser so genannten Handfeste ist vom städtischen Hoheitsgebiet innerhalb der vier Kreuze die Rede (rund drei Kilometer von Osten nach Westen und zwei Kilometer von Norden nach Süden).
Von der Festigung kommunaler Strukturen zeugt die Existenz eines städtischen Rates seit mindestens 1294 und eines eigenen Beglaubigungsmittels für Vertragsabschlüsse. Dabei handelt es sich um das älteste Siegel der Stadt von 1294. Das Siegelbild zeigt den Bären, der gemäss der Heiligengeschichte für seine Hilfe beim Holzsammeln aus den Händen des Gallus ein Brot erhielt. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden zum ersten Mal ein Bürgermeister und Zünfte erwähnt. Eine Krise des Klosters begünstigte im 14. Jahrhundert den Aufstieg der Stadt.


Spätmittelalter 14. und 15. Jahrhundert

Politische Aussenbeziehungen
Die Schwäche des Klosters nutzte die erstarkende Stadt, um die bevorzugte Stellung einer Reichsstadt zu erlangen. Streng genommen hatte St.Gallen diese Position erst 1415 erreicht, weil ihr damals Friedrich III. neben der Mass­- und Gewichts­hoheit auch das Münzregal uneingeschränkt gewährte. Angesichts der bereits früher erlangten Freiheiten und der Verbindungen ins Reich kann St.Gallen aber schon ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts als Reichsstadt bezeichnet werden. Ausdruck der selbstverständlichen Reichszugehörigkeit ist das St.Galler Wappen, das häufig zusammen mit Reichsadler und Krone dar- gestellt wurde. Auf eine zielgerichtete städtische Aussenpolitik deuten die seit 1312 nachweisbaren Bündnisse mit anderen Städten hin. Waren es anfänglich vier Partner (St.Gallen, Konstanz, Zürich und Schaffhausen), bestand der Schwäbische Städtebund in den 1380er­Jahren aus über 30 mehrheitlich deutschen Städten in einem Gebiet von Rothenburg ob der Tauber im Norden bis St.Gallen und Wil im Süden sowie von Kaufbeuren im Osten bis Rottweil im Westen. Der Zweck dieser Städtebünde lag in der gegenseitigen Hilfeleistung bei Konflikten. Weiter bildeten sie, modern gesprochen, Rechtshilfeabkommen. Bis kurz vor 1400 bestanden enge Verbindungen zwischen St.Gallen und Konstanz.

Wirtschaftliche Grösse
St.Galler und St.Gallerinnen lebten zu jener Zeit in einem sehr engen und gleichzeitig ungemein weiten Kreis. Mit einer Einwohnerschaft von 3 000 bis 4 000 Bewohnern um das Jahr 1500 war St.Gallen im europäischen Vergleich immerhin eine mittelgrosse, flächenmässig hingegen eine kleine Stadt, aber mit internationaler Bedeutung, und diese gründete auf der Wirtschaft.
Die Herstellung von Leinentüchern war im Bodenseegebiet schon früh verbreitet, im ausgehenden Mittelalter erreichte St.Gallen darin die Spitzenposition. Noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das Wort ‹Costances› in Frankreich und Spanien der Inbegriff für Qualitätstuch. Fünfzig Jahre später war St.Gallen anstelle von Konstanz zur führenden Textilstadt im Bodenseegebiet aufgestiegen. St.Gallens Handelsnetz reichte von Spanien bis Polen und von Norddeutschland bis Italien. Man beherrschte in St.Gallen Fremdsprachen, Auslandaufenthalte gehörten zur Karriere eines Textilkaufmanns; die Heimgekehrten brachten Eindrücke und Gewohnheiten mit, die den bürgerlichen Lebensstil in der Stadt verfeinerten.

Stadt mit «Seeanschluss»
Auch wenn die Stadt St.Gallen nicht direkt am Bodensee liegt, gehörten Kontakte über den See zum Alltag. Die engsten Beziehungen bestanden im Bereich der Textilwirtschaft. Es war beispielsweise verbreitet, Leinentücher aus Deutschland zur Veredelung nach St.Gallen zu bringen. Grund dafür war das hohe Ansehen, welches die St.Galler Qualitäts­-Schau und damit Tuch, das mit dem St.Galler Schauzeichen versehen war, genoss. Aus Geschäftsfreundschaften entstanden auch familiäre Verbindungen von St.Galler Geschlechtern mit solchen aus Konstanz, Ravensburg, Lindau, Isny und anderen Städten. Über einen Hafen in Steinach hatte die Stadt St.Gallen zudem direkten Seeanschluss, der bis 1490 unter ihrer Kontrolle war. Transporte, die über den See kamen oder gingen, wurden im heute noch bestehenden so genannten Gredhaus in Steinach gelagert und verzollt. Häufigster Importartikel war schwäbisches Getreide; dieses diente der Versorgung der Stadt St.Gallen sowie der umliegenden Landschaft, die wegen zu­nehmender Ausrichtung auf Viehwirtschaft und Tuchweberei den Ackerbau vernachlässigte.

Zwischen Reich und Eidgenossen
Im Gegensatz zu heute bildeten See und Rhein bis ins 19. Jahrhundert keine Grenzen, sondern sie waren verbindende Transportwege in einer seit dem frühen Mittelalter fassbaren Region Bodensee. Dennoch ist ein Auseinanderleben dies­- und jenseits des Sees bereits Ende des 15. Jahrhunderts zu erkennen. Dies hängt mit dem Vordringen der Eid­genossen in die heutige Ostschweiz zusammen. 1451 wurden das Kloster St.Gallen und 1454 die Stadt als zugewandte Orte in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Den Vorstehern des Klosters in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gelang es mit Unterstützung der Eidgenossen, ihre Position wieder zu festigen. Nach langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Kloster und Stadt kam es zu eidgenössischen Schiedssprüchen (1457–1462), die einen weiteren Schritt zur Verselbständigung der Stadt bedeuteten. Der Konflikt war damit aber noch nicht beigelegt, sondern eskalierte 1489/90 bis zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. Schliesslich musste sich die Stadt der eidgenössischen Ordnungsmacht unterstellen, bemühte sich aber auch weiterhin vor allem aus wirtschaftlichen Gründen um eine gute Beziehung zum Reich.


Frühe Neuzeit 16. bis 18. Jahrhundert

Reformation
Nachdem sich die Stadt politisch weitgehend vom Abt emanzipiert hatte, sagte sie sich im 16. Jahrhundert auch in religiöser Hinsicht von ihm los. Unter der Führung des Humanisten und nachmaligen Bürgermeisters Joachim von Watt (genannt Vadianus, 1484–1551) und des Luther­Schülers Johannes Kessler (1502/03–1574) trat sie als eine der ersten eidgenössischen Städte zur Reformation über. Diesen mehrjährigen Prozess kennzeichnen namentlich zwei wichtige Etappen: 1524 erliess der städtische Rat das Gebot des Schriftprinzips, dem gemäss Predigten allein auf die Bibel gegründet sein durften, und drei Jahre später wurde in der Hauptkirche St.Laurenzen erstmals das Abendmahl nach reformiertem Brauch gefeiert. Entsprechend dem damals üblichen Grundsatz, innerhalb eines Herrschaftsgebiets nur eine einzige Konfession zuzulassen (cuius regio eius religio), setzte sich die Bürgerschaft der Stadt St.Gallen fortan ausschliesslich aus Reformierten zusammen.

Stadtrepublik und Fürstabtei

Völlige Selbständigkeit erlangte die Stadt im Jahre 1566. Damals einigte sie sich mit dem Kloster darauf, die beiden Territorien durch eine rund neun Meter hohe Mauer, die ungefähr der Zeughausgasse und Gallusstrasse entlang verlief, voneinander abzugrenzen. Rechte, welche die Abtei auf Stadtboden noch inne hatte, und althergebrachte städtische Verpflichtungen gegenüber dem Kloster wurden mit hohen Geldbeträgen abgelöst. Das Gleiche geschah mit Ansprüchen, welche die Stadt dem Kloster gegenüber geltend machen konnte. Die beiden St.Gallen – das benediktinische Reichskloster und sein Staat (auch Fürstabtei genannt) auf der einen sowie die Reichsstadt und Stadtrepublik auf der anderen Seite – existierten von da an als unabhängige und gleichberechtigte Staaten neben­einander. Obwohl zwischen ihnen oft Spannungen herrschten, waren sie auf eine friedliche Koexistenz angewiesen – dies allein schon wegen ihrer Lage: Der so genannte Stiftseinfang mit dem Verwaltungssitz der Fürstabtei lag innerhalb der Stadt und wurde von dieser völlig umschlossen, während die Stadt ihrerseits vom weitläufigen Territorium des Klosters umfasst wurde.

Territorien
Das Gebiet der Fürstabtei gehörte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu den grösseren Territorien der Eidgenossenschaft. Es umfasste zum einen den Stiftseinfang, der durch die Neubauten der Klosterkirche und von Teilen des Klosters nach der Mitte des 18. Jahrhunderts sein grosszügiges barockes Gepräge erhielt, und zum andern die Landschaft zwischen Wil und Rorschach sowie das Toggenburg.
Das städtische Hoheitsgebiet war hingegen klein und erstreckte sich über eine Fläche von lediglich rund drei auf zwei Kilometern. Die Mehrheit der Einwohner lebte innerhalb der Stadtmauern, während davor lange Zeit nur wenige Häuser standen. Als Stadtstaat besass St.Gallen kein politisch abhängiges Hinterland, sondern nur ein kleines, als Exklave im Thurgau liegendes Untertanengebiet, die 1579 durch Kauf erworbene Herrschaft Bürglen.

Städtischer Rat
Den Klosterstaat regierte der Fürstabt in der Position eines geistlichen Monarchen. Demgegenüber leiteten der Grosse und der Kleine Rat mit drei jährlich sich abwechselnden Bürgermeistern an der Spitze vom Rathaus aus die städtische Politik. In diesen Räten stellten die Vertreter der sechs Zünfte (Weber, Schmiede, Schnei­der, Schuhmacher, Pfister und Metzger) eine rechtlich abgesicherte Mehrheit. Des­halb gilt St.Gallen als ausgeprägte Zunftstadt, in der alle männlichen erwachsenen Bürger einer Zunft beitreten mussten – abgesehen von den Kaufleuten, Angehörigen freier Berufe usw., die zur Gesellschaft zum Notenstein gehörten. Wie anderswo wurden diese zünftischdemokratischen Verhältnisse auch in St.Gallen allmählich ausgehöhlt, indem sich der Kreis jener, die die wichtigen politischen Ämter zu besetzen vermochten, zunehmend verengte. Sowohl in der Stadtrepublik als auch in der Fürstabtei betrachteten sich die politisch führenden Schichten als von Gottes Gnaden in Amt und Würden eingesetzt und regelten das Leben der Untertanen bis ins Einzelne und weit in deren Privatsphäre hinein.

Bevölkerung
Die Stadt St.Gallen zählte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schätzungsweise 6000 Menschen. Vollberechtigte Einwohner waren einzig die männlichen, erwachsenen Bürger, die als Zunftgenossen oder Notensteiner auch an Wahlen teilnehmen konnten. Frauen so­wie Hintersassen und Fremde (aus anderen Gebieten stammende Personen) hatten geringere und untereinander wiederum abgestufte Rechte. Es existierten nicht nur rechtliche, sondern auch grosse soziale Unterschiede – auch innerhalb der Bürgerschaft, die bis ins 18. Jahrhundert eine deutliche Bevölkerungsmehrheit bildete. Die Gesellschaft der Frühen Neuzeit war immer wieder existenziellen Gefährdungen ausgesetzt, etwa der bis ins 17. Jahrhundert epidemisch wütenden Pest oder den bis ins frühe 19. Jahrhundert auftretenden Hungersnöten.

Leinwand und Baumwolle
Obwohl ein Kleinstaat, war die Stadt St.Gallen aufgrund ihres Leinwandgewerbes ein in der damaligen Schweiz wirtschaftlich bedeutender Ort. Die mit dem St.Galler Gütesiegel versehenen Leinentücher bildeten für die Zeit um 1600 den wichtigsten Ausfuhrartikel der Eidgenossenschaft. Kaufleute aus St.Gallen betrieben ihren Handel in weiten Teilen Europas, wobei sich ihre Geschäftstätigkeit in Frankreich seit dem 16. Jahrhundert besonders stark entwickelte. In Lyon, aber auch in anderen Handelsstädten lebten Angehörige von Kaufmannsfamilien oft jahrelang. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts verlor das Leinwandgewerbe allmählich an Bedeutung, und an seine Stelle trat die ab 1721 betriebene Produktion von Baumwollgeweben. Die detaillierten Vorschriften, welche die Leinwandherstellung über Jahrhunderte auf das Genaueste geregelt hatten, galten für baumwollene Artikel nicht. Deren Produktion verlagerte sich auf die Landschaft, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts spannen und woben in der ganzen Ostschweiz und im benachbarten Ausland zehntausende Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter für die St.Galler Baumwollunternehmer.


Neuzeit 19. und 20. Jahrhundert

Revolution und Neuordnung
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurden die inneren Verhältnisse der Alten Eidgenossenschaft im Zuge der Helvetischen Revolution und mit Hilfe französischer Truppen völlig umgestaltet. Mit der territorialen Neuordnung in der Ostschweiz wurden 1798 sowohl die Stadtrepublik als auch die Fürstabtei St.Gallen als souveräne Staaten aufgehoben. Nach einer Zeit der politischen Unruhe und Instabilität erfolgte 1803 die von Napoleon verordnete Gründung des Kantons St.Gallen mit der gleichnamigen Stadt als Hauptort. Diese war inzwischen zu einer politischen Gemeinde geworden, in der die politischen Rechte nicht mehr wie zuvor auf die Ortsbürger beschränkt waren, sondern einem weiteren Kreis von Niedergelassenen zu­standen.
Mit der fürstäbtischen Herrschaft galt auch das über tausendjährige Benediktinerkloster als aufgehoben, als der junge Kanton im Jahre 1805 die Aufteilung der klösterlichen Vermögenswerte beschloss. Einen Teil der Klostergebäude bezogen später der Bischof von St.Gallen und die Verwaltung des Bistums, das 1847 als eigenständige Diözese gegründet wurde.

Industrialisierung und Stickerei
Gleichzeitig mit der politischen setzte in St.Gallen die industrielle Revolution ein: 1801 gründete eine Aktiengesellschaft eine mechanische Baumwollspinnerei, welche als eine der ersten Fabriken in der Schweiz gilt. Diesem Beispiel folgten in der Stadt und ihrer Nachbarschaft bald weitere Spinnereien, welche die Wirtschaft belebten, aber auch die Schattenseiten des Fabriksystems wie übermässige Arbeitszeiten oder Kinderarbeit mit sich brachten. Mit der Zeit erfasste die Industrialisierung weitere zuvor von Hand betriebene Tätigkeiten. Zentrale Bedeutung für die städtische Wirtschaft erlangte die Mechanisierung der Stickerei durch die Stickmaschine. Sie bildete die technische Voraussetzung für die ‹Stickereiblüte›, die Hochkonjunktur der St.Galler Stickereiindustrie, welche von den späteren 1860er-­Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 dauerte und die Wirtschaft der Ostschweiz und Vorarlbergs mehr und mehr beherrschte. St.Galler Stickereien eroberten den Weltmarkt und gehörten dank der grossen Ausfuhrmengen nach den USA, aber auch nach Grossbritannien, Frankreich und Deutschland zu den wichtigsten Exportartikeln der Schweiz.

Bevölkerungs-­ und Bauboom
Die wirtschaftlich dynamische Stadt zog immer mehr Menschen an. Lebten um 1800 lediglich etwa 8 000 Personen in St.Gallen, so stieg ihre Zahl bis 1910 auf fast 38 000. Die wachsende Bevölkerung veränderte sich in ihrer Zusammensetzung. Zur mehr­heitlich reformierten und politisch der liberalen Seite zuneigenden Einwohnerschaft stiessen neu zunehmend Katholiken sowie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Juden. Die Zugewanderten stammten teilweise aus dem Ausland, hauptsächlich aus Deutschland, Italien und Österreich.
Parallel zu dieser Entwicklung setzte im 19. Jahrhundert eine hektische Bautätigkeit ein. Es entstanden Wohn­- und Geschäftsbauten, Schulen und Kirchen, ein Stadttheater, Tiefbauten für die Erschliessung der neu angelegten Quartiere usw. Einen zusätzlichen Bauschub löste im Jahre 1856 die Anbindung St.Gallens an das schweizerische Eisenbahnnetz aus. All dies veränderte das Stadtbild nachhaltig. Der bisherige Siedlungsraum, die Altstadt und die Vorstädte, boten mit der Zeit zu wenig Platz, so dass bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zunächst der ganze Talboden zwischen der Kreuzbleiche und St.Fiden und danach auch Teile der Abhänge im Norden und Süden der Stadt überbaut wurden. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde die mittelalterliche Stadtmauer mit ihren Toren und Türmen abgerissen.

Stadtvereinigung
Noch stürmischer als in der Stadt verlief das Wachstum in den beiden Nachbargemein­ den Straubenzell und Tablat. Diese ehemals äbtischen Untertanengebiete entwickelten sich innerhalb weniger Jahrzehnte von katholisch geprägten Bauerngemein­den zu Industrievororten mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Arbeitern und Ausländern. Baulich wuchsen St.Gallen, Straubenzell und Tablat allmählich zu einer einzigen Agglomeration zusammen und verschmolzen mit der Stadtvereinigung von 1918 zur rund 70 000 Menschen zählenden politischen Gemeinde St.Gallen in ihren bis heute gültigen Grenzen.

Ende der Textilstadt
Die Stadtvereinigung wurde wenige Monate vor dem Ende des Ersten Weltkrieges vollzogen. Dieser hatte das Ende der Stickereiindustrie eingeläutet. Wegen der wirtschaftlichen Lage in den ehemaligen Abnehmerländern, mehr allerdings noch wegen eines tief greifenden Modewandels, geriet die St.Galler Hauptindustrie in den 1920er- und 1930er-Jahren in eine lang dauernde und mit hoher Arbeitslosigkeit verbundene Krise.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich die Stadt wirtschaftlich erholen. Sie hatte Anteil an der allgemein einsetzenden und bis in die 1970er-Jahre dauernden Hochkonjunktur, allerdings auch an der wechselhaften Wirtschaftsentwicklung, welche das ausgehende 20. Jahrhundert prägte. In der städtischen Wirtschaft überwog nun erstmals seit dem Mittelalter nicht mehr das Textilgewerbe, sondern in zunehmendem Masse der Dienstleistungssektor – neben Banken, Versicherungen usw. namentlich die Bildungsanstalten, die öffentliche Verwaltung sowie die Institutionen des Gesundheitswesens.

Konsumgesellschaft
Die insgesamt gute Wirtschaftslage sowie die Bedürfnisse der neu entstandenen Konsumgesellschaft veränderten das Aussehen der Stadt erheblich. Neben der Erbauung neuer Quartiere und Einkaufszentren an den Stadträndern zwangen insbesondere die Erfordernisse des rasant wachsenden Individualverkehrs zu massiven Eingriffen in das Stadtbild. Dies führte gegen das Jahrhundertende zu immer breiterer Opposition. Ein grosser Teil der politischen Auseinandersetzungen begann sich um die Frage zu drehen, wie in der Stadt ein allgemein akzeptierter Ausgleich zwischen urbaner Betriebsamkeit und privater Lebensqualität erreicht werden könne.

Dieser leicht modifizierte Text von Stefan Sonderegger und Marcel Mayer stammt aus: Natalie Bodenmüller, Dorothee Guggenheimer, Johannes Huber u.a., St. Gallen Stadtführer mit Stiftsbezirk, 4., veränderte und erweiterte Auflage, St. Gallen 2010, S. 6-15.

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