Briefverkehr der Stadt St. Gallen 1400–1800

Ansicht Missive

Hat ein Telekommunikationsanbieter heutzutage eine Panne, so dass das Internet für einige Stunden ausfällt, herrscht sofort grosse Nervosität – sowohl bei den Nutzerinnen und Nutzern als auch bei den Anbietern.

Der direkte und indirekte Austausch untereinander gehört zweifelsohne zu den Grundbedürfnissen einer Gesellschaft – und dies nicht erst seit der Erfindung des Internets. Insbesondere der indirekte, schriftliche Austausch hinterlässt Spuren, sei es als Einzelbrief, als Ab- oder Durchschrift oder als Aktennotiz. Welche Möglichkeiten des schriftlichen Austausches boten sich den Menschen früherer Jahrhunderte? Und welche Inhalte wurden auf schriftlichem Weg übermittelt?

Diesen Fragen geht ein grosses Forschungsprojekt des Stadtarchivs nach, welches durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaften, den Kanton St. Gallen, die Ortsbürgergemeinde St. Gallen und von ostschweizerischen Förderstiftungen finanziert wird. Der schnellsten Übermittlung von Informationen dienten von Hand geschriebene Briefe, die von Boten vom Briefaussteller an den Empfänger gebracht wurden. In der Fachsprache werden sie «Missiven» genannt; das Wort leitet sich vom Lateinischen «mittere» im Sinne von «zustellen, senden» ab. Missiven sind adressierte und mit einem Siegel verschlossene Briefe, die von herrschaftlichen, städtischen oder privaten Nachrichtendiensten zugestellt wurden. Absender und Empfänger konnten amtliche Stellen oder Privatpersonen sein. Diese Art der schriftlichen Kommunikation setzte im Spätmittelalter ein und nahm im Laufe der Frühen Neuzeit exponentiell zu. Die Besonderheit von Briefen im Vergleich zu anderen Schriftstücken besteht darin, dass sie einen hohen Aktualitätsbezug aufweisen und dass zu einem Brief oft auch Antwortschreiben und dadurch Gegenüberlieferungen erhalten sind. Missiven verdichten und erweitern dadurch das historische Informationsangebot enorm; dies macht sie für die Geschichtsforschung ganz besonders interessant.

Missiven stellen in vielen Archiven einen grossen Bestand dar, der in der Regel noch nicht erschlossen ist. Im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen sind für die Zeit von 1400 bis 1800 rund 30’000 solcher Briefe – teilweise mit Beilagen – erhalten. Empfänger war der städtische Rat von St. Gallen. Die Themenvielfalt ist gross; es geht beispielsweise um den Güteraustausch zwischen den Ländern und Städten des Reichs und der Eidgenossenschaft, um Preisabsprachen, um Rechtshilfegesuche bei Strafverfolgungen, aber oft auch um private Angelegenheiten, für die sich der Stadtrat einzusetzen hatte. Damit diese wichtigen Dokumente des Alltags in die Geschichtsforschung einfliessen können, werden in Zusammenarbeit mit dem grössten virtuellen Urkundenportal Monasterium.net sowie mit fachlicher Unterstützung der Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins seit Sommer 2017 sämtliche Missiven im Stadtarchiv aus der Zeit zwischen 1400 und 1650 innerhalb von zehn Jahren transkribiert, kommentiert und gemeinsam mit den Digitalfaksimile der Vorlagen barrierefrei als Online-Edition publiziert.

Einen ersten Einblick in das Projekt und dessen Potenzial für die Forschung bieten die folgenden Beiträge:

  • Sonderegger Stefan, Austausch über den Bodensee im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Perspektiven einer Edition von Missiven der ehemaligen Reichsstadt St. Gallen, in: Derschka Harald / Klöckler Jürgen / Zotz Thomas (Hg .): Konstanz und der Südwesten des Reiches im hohen und späten Mittelalter. Festschrift für Helmut Maurer zum 80. Geburtstag (Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen XLVIII), Ostfildern 2017, S. 171-187.
  • Stadelmann Nicole, Austausch übers Wasser, Wirtschaftliche Beziehungen zwischen dem Nord- und Südufer des Bodensees, in: Huber-Rebenich Gerlinde / Rohr Christian / Stolz Michael (Hg.), Wasser in der mittelalterlichen Kultur: Gebrauch – Wahrnehmung – Symbolik, Berlin, Boston 2017, Seite 206-220.