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Rorschacher Vertrag 1566 – Die Mauer zwischen Kloster und Stadt

Rorschacher Vertrag: StadtASG, Tr. XI, 83.

Nach dem Tod von Abt Diethelm Blarer von Wartensee (1530-1564) im Jahr 1564 wurde Otmar Kunz zu seinem Nachfolger gewählt. Im folgenden Herbst sollte seine Benediktion (Einsegnung) stattfinden. Als Termin wurde der 16. Oktober 1565 gewählt; ein Datum, das für die Stadtsanktgaller grosse Bedeutung hatte. An diesem Tag, dem so genannten Gallustag, fand nämlich ein Herbstjahrmarkt statt, der stets viele Besucherinnen und Besucher auch von ausserhalb der Stadt anzog. Der Stadtrat befürchtete den Ausbruch von Unruhen, schliesslich war die Reformation noch nicht allzu lange vorbei und die Beziehung zwischen Kloster und Stadt seit einiger Zeit angespannt. Der Stadtrat sagte daraufhin nicht nur den Jahrmarkt ab, sondern untersagte auch seinen Bürgern den Besuch der Feier im Kloster und liess die Stadttore bereits am Tag vor der geplanten Benediktion schärfer bewachen als üblich. Dies erschwerte die Situation für den neuen Abt, denn in der Ringmauer, welche Kloster und Stadt umschloss, hatte er kein eigenes Tor, das direkt in sein Territorium führte. Er reichte daraufhin bei der Tagsatzung ein Gesuch für ein eigenes Tor ein. In der Folge wurde ein Schiedsgericht bestimmt, welches im so genannten Rorschacher Vertrag dem Wunsch des Abtes stattgab, entgegen dem Willen der Stadt: Der Abt sollte ein eigenes Tor samt Brücke über den Stadtgraben und mit Verbindung zur nächsten Strasse ins fürstäbtische Territorium erhalten.

Kurze Zeit später wurde ein weiterer Vertrag zwischen Kloster und Stadt aufgesetzt: der so genannte Wiler Vertrag von 1566. Mit diesem wurde das Verhältnis zwischen Kloster und Stadt längerfristig vereinfacht. So wurde beschlossen, zur äusserlichen Abgrenzung der beiden Hoheitsgebiete eine Schiedmauer zu bauen; zudem sollten beide Parteien alle Verpflichtungen ablösen bzw. freikaufen, welche sie auf dem Gebiet der anderen Partei noch hatten.