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Städtebund 1312 – Anfänge städtischer Aussenpolitik

Urkunde: StadtASG, Tr. XIX, 1.

St. Gallen hatte im Spätmittelalter ungefähr 3’000 bis 4’000 Einwohner und war gemessen an damaligen Massstäben eine mittelgrosse Stadt. Grosse Städte, von denen es in der Schweiz nur zwei, nämlich Basel und Genf, gab, hatten 10‘000 und mehr Einwohner. Bevölkerungsmässig im Mittelfeld wie viele andere süddeutsche und eidgenössische Städte, aber ohne nennenswertes Territorium, war der Stadt St. Gallen schon früh bewusst, dass für ihre Entwicklung und Unabhängigkeit Bündnisse mit anderen Städten elementar waren. Einen ersten, auf vier Jahre befristeten Bund mit anderen Städten schloss die Stadt St. Gallen am 24. Mai 1312 mit Konstanz, Zürich und Schaffhausen. Dieses Bündnis bezweckte die Sicherung der Rechtsordnung und des Landfriedens sowie die gegenseitige Hilfe in Konflikten. Weitere Bündnisse folgten; das 14. Jahrhundert sollte sich zum Jahrhundert der Städtebünde entwickeln. Die häufigsten und engsten Beziehungen knüpfte die Stadt St. Gallen mit schwäbischen und oberdeutschen Städten, mit denen sie auch wirtschaftlich durch den Textilexport eng verbunden war. Solche Städtebundsurkunden symbolisieren deutlich den Emanzipationsprozess der Stadt gegenüber dem Stift: Sie wurde als eigene Rechtspersönlichkeit aktiv und ging eigenständig Aussenbeziehungen ein.

Die Urkunde von 1312 ist für die Stadt aber nicht nur als erste Überlieferung eines Städtebundes wichtig. Hier ist nämlich zum ersten Mal die wichtigste städtische Behörde, der Rat, namentlich erwähnt. Ein Rat muss jedoch schon vorher existiert haben: An einer Urkunde von 1294 findet sich nämlich das älteste stadtsanktgallische Siegel, das dem Rat zur Beglaubigung von Urkunden im Namen der städtischen Gemeinschaft diente. Sowohl das älteste Ratssiegel als auch die Nennung des Rates 1312 unterstreichen den Prozess zur Eigenständigkeit, in welchem sich die Stadt damals befand.