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Geschichte auf über 6 Metern Länge – Die «Compilatio Nova» von Johannes von Udine aus dem 14. Jahrhundert

VadSlg Ms 1000

Aussergewöhnlich in Form und Inhalt ist dieser italienische Rotulus aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in lateinischer Sprache. Zwar wurden Schriftrollen im Laufe des Mittelalters zunehmend durch Kodex-Handschriften verdrängt, blieben aber bei liturgischen, historischen-genealogischen Texten und bei Verwaltungsschriftgut wie den Grundherrschaftsrödeln weiterhin in Gebrauch. Der Vorteil des Rollenformats ist, dass beliebig viele Pergamentstücke aneinandergefügt werden können. Beim abgebildeten Rotulus sind es elf Ziegenhäute, wobei das Kopfpergament absichtlich unbeschnitten ist und dadurch kreuzförmig ausläuft. Der Nachteil dieses Formats liegt aber ebenso auf der Hand. Schnelles Hin- und Herspringen im Text ist nur möglich, wenn die Rolle vollständig geöffnet wird, was bei 6,5 Metern Länge viel Platz in Anspruch nimmt. Ansonsten muss man den Text fliessbandartig lesen, indem mit der rechten Hand der zu lesende Text abgerollt, während mit der linken Hand der bereits gelesene Text aufgerollt wird. Das Material wird dadurch entsprechend stark beansprucht, weswegen der konservatorische Zustand solcher Rotuli häufig schlecht ist. Auch bei VadSlg Ms 1000 sind Farbabplatzungen bei den Gold- und Silbergrundierungen, Wasserflecken, Haarrisse und verbleichte Schriftstellen feststellbar. Dies deutet nicht nur darauf hin, dass die Rolle häufig benutzt wurde, sondern auch, dass sie längere Zeit in geöffnetem Zustand dem Licht ausgesetzt war.

Verfasser ist Johannes de Utino († 1363), ein Franziskanermönch, Magister der Theologie und Inquisitor in Aquileia, der aus Mortegliano in der Provinz Udine stammte. Er hat diesen Rotulus eigenhändig geschrieben und illuminiert, wie er nicht ohne Stolz im Widmungstext hervorhebt. Dabei bediente er sich der in Italien gebräuchlichen Buchschrift Rotunda. Diese zeichnet sich durch die runden Formen und den breiten Charakter des Schriftbildes aus, ganz im Gegensatz zur gebrochenen und schmalen Textura, die zur selben Zeit nördlich der Alpen üblich war. Der Text wird durch rot-blaue Initialen und daran angefügte Trennlinien strukturiert. Von den acht bisher bekannten Rotuli, welche zwischen 1344 und 1363 entstanden sind, stammen sieben aus seiner Hand. Er kopierte aber nicht einfach, sondern ergänzte einzelne Textstellen und Illuminationen bei jeder Handschrift von Neuem.

Inhaltlich handelt es sich um eine „Compilatio nova super tota biblia“, später im Text ergänzt durch „ystoriarum“, wie es in der rot abgesetzten Kopfzeile heisst. In Form eines Stammbaums bietet der Text eine Zusammenfassung der Weltgeschichte, begonnen bei der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Die Zeitalter werden durch Sternmedaillons entlang der Textmitte mit den biblischen Namen hervorgehoben (Adam und Eva, Noah, Abraham, David, Zedekia, Christi Geburt, Wirken und Auferstehung). Um diesen Stamm herum mäandrieren Namenskreise mit biblischen und historischen Persönlichkeiten, die mit farbigen Verbindungslinien zueinander in Beziehung gesetzt werden. Ergänzt wird dieses Gerüst durch Miniaturen, welche das entsprechende Zeitalter repräsentieren. Die Sintflut wird durch die Arche Noah und eine Himmelsspährenkarte, die antiken Hochkulturen werden durch stilisierte Stadtansichten von Ninive, Jerusalem und Babylon dargestellt. Besonders auffällig sind die Miniaturen, welche Moses’ Auszug aus Ägypten gemäss der Beschreibung in Exodus, 25 und 27, symbolisieren. Der Tempel listet die vierzig Stationen in der Wüste auf, darüber thront eine Menora, ein siebenarmiger Leuchter, der dann nahtlos in den Brandopferaltar, den Schaubrottisch und die Bundeslade übergeht. Dazwischen sind die Tafeln mit den zehn Geboten dargestellt. Durch diese schematische Visualisierung der Weltgeschichte kann man sich, wie auf einer Landkarte, rasch orientieren. Die Texte um diese „Wegmarken“ herum dienen der Erläuterung. Sie beinhalten Zusammenfassungen von Bibelstellen, Beschreibungen von Einzelereignissen, Tabellen von Päpsten, Kaisern und Königen sowie Kommentare von Kirchenautoritäten.

Die Bearbeitung der Weltgeschichte auf biblischen Grundlagen wie in diesem Rotulus, hat im Christentum eine lange Tradition. Insbesondere die Verbindung von Theologie und Geschichte, welche die frühe Kirche von der Masse der religiösen und politischen Konkurrenz unterschied, schärfte das eigene Profil. In der eigenen Selbsteinschätzung und -inszenierung war man die historische Religion schlechthin, vollzog sich doch der Weg zum Heil in Raum und Zeit. Und auch die Erlösung spielte sich nicht zeitentbunden in transzendenten oder mythologischen Räumen ab, sondern in der realen Geschichte. Mit der Menschwerdung Christi im Zeitalter des Augustus war sie ausserdem exakt datierbar. Durch die Verbindung des neutestamentarischen Geschichtsverständnisses mit der alttestamentarischen Überlieferung wurde eine bruchlose Kontinuität zwischen der Schöpfungsgeschichte, der jüdischen Tradition und der frohen Botschaft des Christentums geschaffen. Gleichzeitig grenzte man sich aber auch selbstbewusst von der jüdischen Mutterreligion ab, indem man sie zur Vorstufe und Vorbereitung der eigenen Religionsauffassung machte. Dasselbe galt auch für die antiken Hochkulturen, von denen die Bibel, aber auch die hellenistische und römische Geschichtsschreibung berichtete. Assyrer, Griechen und Ägypter waren dem Christentum schon aufgrund des geringeren Alters unterlegen, denn Moses ist schliesslich älter als Homer. Die Beweisführung erfolgte durch die Synchronisation der Herrscherlisten aus der antiken Geschichtsschreibung mit den Angaben aus der Bibel. Das Ergebnis war eine tabellarische Übersicht über die Menschheitsgeschichte, welche die Gleichzeitigkeit historischer Persönlichkeiten und Ereignisse mit der theologischen Absicht verband, das ehrwürdige Alter der biblischen Geschichte jedermann unmittelbar vor Augen zu führen. Dies gelang dem Franziskaner Johannes de Utino mit seiner Kompilation in exemplarischer Weise.

Gleichzeitig mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erreichte die manufakturmässige Handschriftenherstellung und deren Handel im deutschsprachigen Raum ihren Höhepunkt. Ein eigentlicher „Markenartikel“ waren die verhältnismässig günstigen, seriell produzierten Papierhandschriften aus der Werkstatt des Diebold Lauber (vor 1427 – nach 1471) aus dem elsässischen Hagenau. Er belieferte seine Kundschaft mit Papierhandschriften, die „grosz oder clein geistlich oder weltlich húbsch gemolt“ sind, wie er in seinen Verkaufsanzeige hervorhob. Im Gegensatz zu den illuminierten Prachthandschriften der Vergangenheit waren diese Bücher sowohl in der Bilddarstellung, als auch in der Textwiedergabe mehrheitlich grob und flüchtig angelegt. Entscheidend war die Veranschaulichung des Textes in Illustrationen, die Handlungen und Bewegungen erfassten. Auf Feinheiten der Bildkomposition, räumliche Tiefenwirkung, Buchschmuck oder auf hochstehende Kalligraphie wurde bewusst verzichtet. Wichtiger war es, die Konkurrenz in Bezug auf Preis und Verfügbarkeit auszustechen. Dies gelang einerseits mit einem effizienten Manufakturbetrieb der Werkstatt Lauber, die Bücher nicht nur auf Bestellung, sondern auch auf Vorrat herstellte. Dafür vergab Lauber Aufträge an Lohnschreiber und unterhielt einen festen Stab von über einem Dutzend Illustratoren. Andererseits vertrieb er seine Handschriften erfolgreich auf zahlreichen Märkten und bediente damit seine überregionale Kundschaft aus Adel und städtischem Patriziat mit populären Ritterepen und mit Erbauungsliteratur.

Ein Verkaufsschlager in Laubers reichhaltigem Sortiment waren Historienbibeln in elsässischem Dialekt. Diese basierten auf den biblischen Geschichten, gingen aber zur Steigerung der Dramaturgie und Anschaulichkeit teilweise recht freizügig mit dem Stoff um. So wurden Übergänge eingefügt, um lose Textstellen in einen Handlungsablauf zu bringen oder Ereignisse mit dem Mittel von Vor- und Rückgriffen umschrieben. Dies ist auch bei der grossformatigen, zweibändigen Historienbibel der Vadianischen Sammlung der Fall (www.e-codices.unifr.ch/de/vad/0343c/ und www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0343d). Der erste Band enthält biblische Geschichten aus dem Alten Testament in Kurzfassung, der zweite Band solche aus dem Neuen Testament auf der Basis des Marienlebens des Kartäusermönchs Philipp von Seitz. Die mit Akanthusblättern und Spiralranken reich verzierte Wappenseite (fol 6v) weist dieses Exemplar als Besitz des Konstanzer Ehepaars Heinrich Ehinger (1438-1479) und Margaretha von Cappel (1440-1491) aus. Sie hatten 1455 geheiratet. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Papier, welches sich aufgrund des Wasserzeichens in Form eines Ochsenkopfs auf 1442-1455 datieren lässt. Handelt es sich bei der Historienbibel allenfalls um ein Hochzeitsgabe? Möglich wäre es.

Die Historienbibel ist in einer Bastarda oder Buchkursive geschrieben. Diese im 16. Jahrhundert weit verbreitete Schrift verband die Vorzüge der eleganten, gotischen Buchschrift mit der zügig fortlaufenden, effizienten Schreibweise der Kursive. Die Kapitelzählungen und Überschriften sind mit roter Farbe abgesetzt, die Initialen mit roten und blauen Lombarden ausgezeichnet. Sind die Schreiber unbekannt, so kennt man dank der oben abgebildeten, lavierten Federzeichnung „wie Josue Jericho gewann die gůte statt“ (106r) den Namen des Illustrators. Denn ein gewisser Hans Ott hat sich mit seiner Unterschrift auf der Stadtmauer verewigt. Dieser Künstler zeichnet sich durch eine klare Strichführung und seine kompakt wirkenden, gedrungen Figuren aus. Zudem hat er eine Vorliebe für kleinteiliges und dekoratives Füllwerk, wie dies bei der Darstellung von Bäumen, Pflanzen und Blüten und deren Platzierung auf einem sorgfältig durch Grasbüschel markiertem Terrain sichtbar ist.

Diese Bilder scheinen den St. Galler, Georg Leonhard Hartmann (1784-1828) nicht besonders beeindruckt zu haben, beschrieb er die Bücher um 1800 in seinem „Lokal-Verzeichnis von den Handschriftlichen Werken auf der Vadianischen Bibliothek“ doch als „biblische Historien (…) mit abscheulich gemalten Figuren“ (VadSlg S 46b, fol 3). Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Weiterführende Literatur und Links: