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Mit schnellem Strich gemalt – Historienbibel aus der Werkstatt von Diepold Lauber, um 1450

Linke Seite: VadSlg Ms 343 c, fol 6v

Rechte Seite: VadSlg Ms 343 c, fol 106r

Gleichzeitig mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erreichte die manufakturmässige Handschriftenherstellung und deren Handel im deutschsprachigen Raum ihren Höhepunkt. Ein eigentlicher «Markenartikel» waren die verhältnismässig günstigen, seriell produzierten Papierhandschriften aus der Werkstatt des Diebold Lauber (vor 1427 – nach 1471) aus dem elsässischen Hagenau. Er belieferte seine Kundschaft mit Papierhandschriften, die «grosz oder clein geistlich oder weltlich húbsch gemolt» sind, wie er in seinen Verkaufsanzeige hervorhob. Im Gegensatz zu den illuminierten Prachthandschriften der Vergangenheit waren diese Bücher sowohl in der Bilddarstellung, als auch in der Textwiedergabe mehrheitlich grob und flüchtig angelegt. Entscheidend war die Veranschaulichung des Textes in Illustrationen, die Handlungen und Bewegungen erfassten. Auf Feinheiten der Bildkomposition, räumliche Tiefenwirkung, Buchschmuck oder auf hochstehende Kalligraphie wurde bewusst verzichtet. Wichtiger war es, die Konkurrenz in Bezug auf Preis und Verfügbarkeit auszustechen. Dies gelang einerseits mit einem effizienten Manufakturbetrieb der Werkstatt Lauber, die Bücher nicht nur auf Bestellung, sondern auch auf Vorrat herstellte. Dafür vergab Lauber Aufträge an Lohnschreiber und unterhielt einen festen Stab von über einem Dutzend Illustratoren. Andererseits vertrieb er seine Handschriften erfolgreich auf zahlreichen Märkten und bediente damit seine überregionale Kundschaft aus Adel und städtischem Patriziat mit populären Ritterepen und mit Erbauungsliteratur.

Ein Verkaufsschlager in Laubers reichhaltigem Sortiment waren Historienbibeln in elsässischem Dialekt. Diese basierten auf den biblischen Geschichten, gingen aber zur Steigerung der Dramaturgie und Anschaulichkeit teilweise recht freizügig mit dem Stoff um. So wurden Übergänge eingefügt, um lose Textstellen in einen Handlungsablauf zu bringen oder Ereignisse mit dem Mittel von Vor- und Rückgriffen umschrieben. Dies ist auch bei der grossformatigen, zweibändigen Historienbibel der Vadianischen Sammlung der Fall (www.e-codices.unifr.ch/de/vad/0343c/ und www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0343d). Der erste Band enthält biblische Geschichten aus dem Alten Testament in Kurzfassung, der zweite Band solche aus dem Neuen Testament auf der Basis des Marienlebens des Kartäusermönchs Philipp von Seitz. Die mit Akanthusblättern und Spiralranken reich verzierte Wappenseite (fol 6v) weist dieses Exemplar als Besitz des Konstanzer Ehepaars Heinrich Ehinger (1438-1479) und Margaretha von Cappel (1440-1491) aus. Sie hatten 1455 geheiratet. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Papier, welches sich aufgrund des Wasserzeichens in Form eines Ochsenkopfs auf 1442-1455 datieren lässt. Handelt es sich bei der Historienbibel allenfalls um ein Hochzeitsgabe? Möglich wäre es.

Die Historienbibel ist in einer Bastarda oder Buchkursive geschrieben. Diese im 16. Jahrhundert weit verbreitete Schrift verband die Vorzüge der eleganten, gotischen Buchschrift mit der zügig fortlaufenden, effizienten Schreibweise der Kursive. Die Kapitelzählungen und Überschriften sind mit roter Farbe abgesetzt, die Initialen mit roten und blauen Lombarden ausgezeichnet. Sind die Schreiber unbekannt, so kennt man dank der oben abgebildeten, lavierten Federzeichnung «wie Josue Jericho gewann die gůte statt» (106r) den Namen des Illustrators. Denn ein gewisser Hans Ott hat sich mit seiner Unterschrift auf der Stadtmauer verewigt. Dieser Künstler zeichnet sich durch eine klare Strichführung und seine kompakt wirkenden, gedrungen Figuren aus. Zudem hat er eine Vorliebe für kleinteiliges und dekoratives Füllwerk, wie dies bei der Darstellung von Bäumen, Pflanzen und Blüten und deren Platzierung auf einem sorgfältig durch Grasbüschel markiertem Terrain sichtbar ist.

Diese Bilder scheinen den St. Galler, Georg Leonhard Hartmann (1784-1828) nicht besonders beeindruckt zu haben, beschrieb er die Bücher um 1800 in seinem «Lokal-Verzeichnis von den Handschriftlichen Werken auf der Vadianischen Bibliothek» doch als «biblische Historien (…) mit abscheulich gemalten Figuren» (VadSlg S 46b, fol 3). Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

 

Weiterführende Literatur und Links: