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Prachthandschrift mit Goldminiaturen – Weltchronik und Karlsvita

Linke Seite: VadSlg Ms 302, fol 120v

Rechte Seite: VadSlg Ms 302, fol II, 52v

Blättert man in diesem Kodex, was Dank des Digitalfaksimiles konservatorisch bedenkenlos ist, so nehmen einem augenblicklich die farbenfrohen Deckfarbenminiaturen auf hochglanzpoliertem Goldgrund gefangen. Ausdrucksstark und zugleich eigenartig fremd wirken die Figuren mit ihren ausgestellten Hüften, den geneigten Köpfen im Dreiviertelprofil und ihrer übertriebenen Gestik. Das ornamentale Wechselspiel zwischen Einzelfiguren und Personengruppen erhöht die Dynamik der zweizonigen Darstellung. Und dies ist zweifelsohne die Absicht der gotischen Buchillustratoren, die zu Meistern ihres Fachs gehörten. Die Bilder sind keine blosse Beigabe des Textes, sondern integraler Bestandteil der Geschichte. Bilder werden in der mittelalterlichen Kunst zu Sinnträgern, entsprechend dem Diktum Papst Gregor des Grossen: „Was die Schrift für die bedeutet, die lesen können, das leistet das Bild für die, die es nicht können“.

Doch was für eine Geschichte beinhaltet dieser knapp dreihundertseitige, auf feinstem Pergament in hochwertiger Kalligraphie geschriebene Kodex? Wer war der Auftraggeber? Wer fertigte ihn an? In der Handschrift, die etwa um 1300 entstanden ist, sind zwei beliebte Versdichtungen zusammengefasst, die unabhängig voneinander ein halbes Jahrhundert zuvor geschrieben worden waren. Zum einen handelt es sich um die Weltchronik des Rudolf von Ems, zum anderen um ein Heldenepos über Karl den Grossen, dessen Autor unter dem Namen „der Stricker“ bekannt ist.

Rudolf von Ems, ein Vertreter des niederen Adels aus dem vorarlbergischen Hohenems, stieg mit fünf grossen Epen zum staufischen Hofdichter auf. Sein bedeutendstes und reifstes Werk ist die Weltchronik, die in mehr als hundert Abschriften, davon dreissig Prachtshandschriften, als ein Lieblingsbuch des Mittelalters bezeichnet werden kann. Leider blieb das Werk unvollendet, da Rudolf, seinen Auftraggeber und Dienstherrn König Konrad VI. von Hohenstaufen begleitend, mit ihm zusammen 1254 in Italien umkam. Rudolf plante, die Universalgeschichte der Menschheit, beginnend mit der Erschaffung der Welt, bis zu seiner Gegenwart in einem gewaltigen Epos einzufangen, eingeteilt in sechs Weltzeitalter, der biblischen Schöpfungsgeschichte entsprechend. Dabei werden die sakrale und die profane Geschichte aufeinander abgestimmt und als Heilsgeschichte dargestellt. Als Beispiel sei die oben abgebildete Darstellung der Geschichte von Simson und dem Löwen aus Richter, Kapitel 14, erwähnt. Simson, hier mit wehendem blondem Haar dargestellt, hat sich in die Tochter eines Philisters aus Timna verliebt und reist zusammen mit seinen Eltern zur Brautwerbung in die Stadt. Auf dem Weg dorthin begegnen sie einem Löwen. „Da durchdrang ihn der Geist des Herrn, und er riss ihn auseinander, wie man ein Zicklein auseinander reisst“ (Ri 14, 6). Einige Zeit später, auf dem Rückweg, kehrt Simson zum Löwenkadaver zurück, in dem mittlerweile Bienen nisten. Den Honig aus dem Maul des Löwen gibt er daraufhin seinen Eltern zu kosten. Die Geschichte erreicht ihren Höhepunkt im Sinnspruch „Was ist süsser als Honig? Und was ist stärker als ein Löwe?“ (Richter 14, 18) womit auf die Liebe angespielt wird.

Da Rudolfs Chronik tief im Alten Testament bei König Salomon endet und damit Stückwerk blieb, ergänzte man den Text mit der Karlsvita, um damit wenigstens einen Teil der Gegenwart einzufangen. Vom Autor, der sich selbst der Stricker nannte, was allenfalls eine Anlehnung ans „Verse stricken“ sein sollte, ist wenig bekannt. Es handelt sich wohl um einen fränkischen Berufsdichter von einfacher Herkunft, der sich in Österreich und im Bodenseegebiet aufgehalten hatte. Selbst die Datierung des Textes ist umstritten und wird grob zwischen 1215 und 1233 eingegrenzt. Im Mittelpunkt der Dichtung, die den Kreuzzug Karls des Grossen gegen die Sarazenen in Spanien zum Gegenstand hat, steht die Heldengestalt Roland, des christlichen Streiters, der für Glauben und in der Treue zu seinem Herrn den Tod erleidet. Geschichte und Heilsgeschichte durchdringen sich, ähnlich wie bei der Weltchronik. So greifen mehrfach Engelsboten in das Geschehen ein. Sie spenden Mut und Trost, vor allem aber halten sie in Karl und Roland die Kreuzzugsidee wach, stärken ihre und ihrer Streitkräfte Kampfbereitschaft gegen die Heiden durch die Verheissung göttlichen Lohnes. Die Handlungsträger agieren damit auf zwei Ebenen, einer historischen und einer typologischen. Dabei ergänzen sich Text und Ikonographie in der Parallelgestalt von Karl und Roland als oberster Richter im Reich und als Miles Dei, als Soldat Gottes, wobei in der Doppelgestalt auch die Figur von Christi mitgedacht werden muss. Die Miniatur zeigt, wie Roland als Führer der fränkischen Nachhut beim baskischen Dorf Roncesvalles tödlich verletzt, Schwert Durandal vergeblich an einem Felsen zu zerschmettern versucht. Zu seinen Füssen liegt das magische Horn Olifant, mit dem er Karl und den Haupttross des Heeres vor der drohenden Gefahr eines gegnerischen Überfalls gewarnt hat. Sterbend legt sich Roland unter einen Baum, Durandal fest umklammernd und seinen Handschuh einem Engel übergebend. Die Folgeszene zeigt den knienden Karl, der seinen toten Freund zusammen mit Höflingen beweint und ihm sein Schwert abnimmt. Auch hier wird ikonographisch mit der Christusanalogie gespielt, indem der Trauerakt nach der Beweinung Christi gestaltet ist. Schliesslich wird Karl durch den Erzengel Michael getröstet, der ihm den endgültigen Sieg über die Heiden prophezeit. Was wie eine Geschichte aus vergangener Zeit erscheint, war anfangs des 14. Jahrhunderts Tagesaktualität. Denn 1291 war mit dem Fall von Akkon die letzte Bastion des christlichen Königreichs Jerusalem an die moslemischen Mamluken gefallen.

Unklar ist, wer der Auftraggeber dieser prachtvollen Handschrift war, die bezüglich Materialaufwand und Ausgestaltung zur damaligen Zeit ein absolutes Luxusprodukt darstellte. Allein für das Pergament brauchte man die Häute einer ganzen Schafherde. Rechnet man noch Tinte, Farbe und Blattgold hinzu, verschlang die Produktion Unsummen. Dies konnten sich nur reiche und hochgestellte Persönlichkeiten leisten. Dazu gehörten etwa Heinrich von Klingenberg, Bischof von Konstanz, und die Zürcher Patrizier Ritter von Manesse. Letztere liessen einige Jahre später den stilistisch ähnlichen Kodex Manesse herstellen. Zum Material kam die Anstellung und Besoldung eines ganzen Skriptoriums, einer Gemeinschaft von Kalligraphen und Miniaturenmaler, denn nur eine professionelle Werkstatt konnte diesen Grad an Kunstfertigkeit erreichen. Sowohl bei der Malerei, als auch bei der Schrift können je vier unterschiedliche Lohnarbeiter unterschieden werden. Bei einem Schreiber kennt man aus einer anderen Handschrift den Namen, da er sein Werk nach der Vollendung signierte. Es handelt sich um den Kaplan Konrad von St. Gallen, der um 1300 Chorherr am Zürcher Fraumünster war. Warum er nicht auch die Weltchronik signierte, ist unbekannt.

Zusammenfassend lässt sich die Handschrift 302 folgendermassen charakterisieren: Ein Glanzstück der Vadianischen Sammlung, welches höfische Dichtung, geschrieben von kirchlichen Lohnschreibern für das städtische Patriziat beinhaltet. Oder wie Mitte des 18. Jahrhunderts der Pfarrer und Registrator der St. Galler Stadtbibliothek, Anton Merz, in krakeliger Schrift auf die erste Pergamentseite des Kodex schrieb „Biblische Historie in Versen mit Kupfer u Mahlerey geziert“. Das Katalogisat findet sich unter: http://www.handschriftencensus.de/9522

Weiterführende Literatur und Links: