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Kleider machen Leute – Das Trachtenbuch von Georg Straub, St.Gallen 1600

VadSlg Inc 960, fol 38

Mit dem „Trachten- oder Stammbuch, darinn aller fürnembster Nationen Völcker, Manns unnd Weibs Personen in ihren Kleydern, artlich abgemahlt, nach jedes Landes Sitten und Gebrauch, so jetziger Zeyt getragen werden, und zuvor niemals im Truck aussgangen“ legte der St. Galler Buchdrucker Georg Straub (1568-1611) seinen Mitbürgern die weite Welt zu Füssen. In einer lateinischen (VadSlg Inc 960) und in einer deutschen, kolorierten Ausgabe (VadSlg Inc 961) präsentierte er in einer umfangreichen Sammlung von Holzschnitten die Völker und Stände der vier Erdteile um 1600. Neben Angehörigen diverser europäischer Länder und Städte werden auch Brasilianer, Indianer aus Florida, Äthiopier, Perser und Türken gezeigt. Sie präsentieren sich paarweise in der typischen, ihrem Stand und ihrem Beruf entsprechenden Kleidung. Ergänzt werden die Bilder mit lateinischen oder deutschsprachigen Reimen.

Georg Straub war der jüngere Bruder von Leonhard Straub (*1550), der als erster Buchdrucker sechs Jahre in St. Gallen gearbeitet hatte, bis er sich 1584 über Zensurvorschriften hinwegsetzte und mitsamt seiner Familie bei Entzug des Bürgerrechts aus der Stadt verwiesen wurde. Trotz dieser unglücklichen Geschichte oder vielleicht eben deshalb errichtete Georg im väterlichen Haus an der Webergasse 1599 eine Offizin. Von Geldsorgen geplagt, vom Zensor bedroht, musste sich Straub mit populären Drucken über Wasser halten. Mehrmals bat er den Abt, aber auch Bürgermeister und Rat um ein Darlehen. Schliesslich konnte er 1611 auf Geheiss der städtischen Obrigkeit das grosse Sitten- und Polizeimandat drucken, wofür er gemäss einem Eintrag im städtischen Seckelamtsbuch 127 Gulden und 20 Kreuzer erhielt. Ausgeben konnte er den Gewinn wohl nicht mehr, da er wenige Monate später an der Pest starb.

Diese beiden Hauptwerke aus der Druckerei Straub, welche in einem Abstand von elf Jahren entstanden sind, widersprechen und ergänzen sich pikanterweise gleichzeitig. Adressiert ist es an dasselbe Zielpublikum, der Urheber jedoch ist ein anderer. Will das Trachtenbuch den Glanz und die Pracht der ganzen Welt einfangen, so wendet sich das Sittenmandat explizit „wider die Hoffart“. Der oben abgebildete St. Galler Kaufmann und seine Frau sind mit Halskrausen und Manschetten aus Spitze, Seidenbändern und sonstigem Zierrat modisch gekleidet. Der Mann gibt sich gemäss dem deutschsprachigen Vers weltmännisch: „Weil die Kauffleut thun raisen vehr/ in frembde Landt und uber Mehr/ tragen sie frembde Kleydung auch/ wie in jedem dann ist der brauch“. Wieviel anders klingt das Sittenmandat. Minutiös und detailliert wird in obrigkeitlicher Manier geboten und verboten. Ober- und Unterkleider, Hosen, Jacken, selbst Kinderkleider wurden reglementiert. Ebenso fanden Bänder und Schnüre, wertvolle Stoffe, Spitzen und sonstige Verzierungen Missfallen des Stadtrates. Je nach Stand des Trägers war mehr oder weniger Prunk gestattet. Dies ging so weit, dass Dienstmägde, falls sie die alten Kleider ihrer Hausherrin austragen durften, die samtenen und seidenen Verzierungen entfernen mussten.

Weiterführende Literatur: