Interaktiver Stadtrundgang

Das Team des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen lädt Sie zu einem geführten, virtuellen Rundgang durch das mittelalterliche und frühneuzeitliche St. Gallen ein. Klicken Sie einfach auf die markierten Bereiche und erfahren Sie historische Informationen und Ereignisse. Als Grundlage dient der Frank-Plan aus dem Jahr 1596.

 

Der erste realistische Plan von Stadt und Kloster St.Gallen

Auf Ihrer Reise in die Vergangenheit der Stadt St. Gallen bewegen Sie sich virtuell auf einem ganz besonderen Stadtplan.…

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Das Team des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen lädt Sie zu einem geführten, virtuellen Rundgang durch das mittelalterliche und frühneuzeitliche St. Gallen ein. Klicken Sie einfach auf die markierten Bereiche und erfahren Sie historische Informationen und Ereignisse. Als Grundlage dient der Frank-Plan aus dem Jahr 1596.

 

Der erste realistische Plan von Stadt und Kloster St.Gallen

Auf Ihrer Reise in die Vergangenheit der Stadt St. Gallen bewegen Sie sich virtuell auf einem ganz besonderen Stadtplan. Jahrhunderte vor Google Maps zeichnete der Goldschmied und Ratsherr Melchior Frank im Jahr 1596 diesen detaillierten Plan der Stadt St. Gallen. Warum und wozu er diesen Plan schuf, ist allerdings bis heute unklar. Entwarf er ihn aus eigener Initiative? Wurde er von einem reichen Bürger oder gar vom Stadtrat beauftragt? Oder gestaltete er ihn für die städtische Verwaltung? Wir wissen es nicht. Fest steht, dass der Frank-Plan – wie er nach dem Hersteller genannt wird – eine künstlerische wie kartografische Meisterleistung darstellt. Als erster Plan seiner Art gibt er die Situation der Stadt und des Klosterbezirks um das Jahr 1600 realitätsnah und lebensnah wieder. Wir erkennen nicht nur die wichtigsten Bauten in der Stadt wie das Rathaus, die Stadtkirche oder das Kloster, sondern können auch die einzelnen Häuser in den Gassen zählen. Auf den Plätzen, an den Brunnen und auf den Wiesen des Klosters gehen Menschen ihrem Alltag nach. Vor uns breitet sich ein Panorama des städtischen Lebens aus.

Etwas künstlerische Freiheit erlaubt sich Frank dann aber doch: die Strassenzüge und Plätze sind überdimensioniert dargestellt und ob die Proportionen im Einzelnen korrekt sind, sei dahingestellt. Die Kantonsarchäologie hat indes Frank und seine Zeichnungskunst geadelt: Denn die Ausgrabungen anlässlich der Verlegung des stadtweiten Glasfaserkabelnetzes in den 2000er-Jahren haben gezeigt, dass die Lage der Bauten weitgehend stimmt. Die Legende an der linken unteren Ecke könnte zumindest ein Hinweis auf den Zweck des Plans sein: Die städtischen Bauten werden an erster Stelle, das heisst noch vor dem Reichskloster, aufgeführt. Es kommt das starke bürgerliche Selbstbewusstsein des Zeichners zum Ausdruck. Das ist typisch für diese Zeit, denn die Stadt St. Gallen hatte drei Jahrzehnte zuvor die vollständige Befreiung aus der Herrschaft des Kloster St. Gallen erreicht und war zur Textilmetropole der Bodenseeregion aufgestiegen. Der Plan ist deshalb auch eine stolze Selbstdarstellung der reichen Reichsstadt St. Gallen.

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Das Stadthaus

Das Stadthaus als Verwaltungssitz der Ortsbürgergemeinde St. Gallen hat eine bewegte Geschichte. An seiner Stelle stand ab dem frühen Mittelalter die zum Kloster gehörende Johanneskirche. Sie wurde allerdings im Zuge der Kirchenschliessungen in der Reformationszeit aufgehoben, und das Gebäude ging in den Besitz der Stadt über. Da man keinen direkten Nutzen für eine katholische Kirche sah, betrieb die städtische Verwaltung in den Räumlichkeiten einen Güterschuppen. Im Jahr 1589 erwarb der wohlhabende Kaufmann Hans Schlumpf schliesslich das Kirchengebäude und errichtete an dessen Stelle sein Wohn- und Geschäftshaus, das heutige Stadthaus. Aufgrund seiner grosszügig angelegten Masse wurde es bald nur noch das „grosse Haus“ oder das „hohe Haus“ genannt. Das Innere des Hauses folgte dem typischen Schema eines kaufmännischen Wohnsitzes. Das Erdgeschoss wurde als Lagerraum und für den Warenumschlag gebraucht, während die oberen Stockwerke grosszügigen Wohnraum und repräsentative Festsäle boten. Nach Schlumpfs Tod wechselte sein Haus mehrmals den Besitzer, bis das Kaufmännische Directorium, die Vorgängerinstitution der heutigen Industrie- und Handelskammer (IHK), das Gebäude kaufte und darin die St. Galler Post einrichtete. Seit 1867 ist das Haus im Besitz der Ortsbürgergemeinde und trägt den Namen „Stadthaus“.

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Das Waaghaus

Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt benötigte Wirtschaftsgebäude. Zentral für die Abwicklung des städtischen Warenverkehrs war das Waaghaus. Es wurde im Jahr 1584 erbaut und diente der Güterabwicklung sowie der Gütereinlagerung. Gewogen wurden sämtliche Waren, die über den Bodensee und auf dem Landweg in die Stadt kamen. Für diese Einfuhren musste der Obrigkeit ein Zoll bezahlt werden. Die Lage des Waaghauses war gut gewählt: Es lag unmittelbar neben dem Brühltor, um die Zu- und Wegfuhr der Handelsgüter zu optimieren. Das damalige Waaghaus hatte – anders als heute – keine besonderen baulichen Zierden an der Fassade. Erst als das Rathaus am Marktplatz abgebrochen wurde, erbte das Waaghaus sein Türmchen und seine Uhr. Bei einer Volksabstimmung von 1958 wäre dem Waaghaus beinahe ein Ende gesetzt worden. Die Bevölkerung entschied sich nur knapp, nämlich mit 6’448 gegen 6’147 Stimmen, für den Erhalt und die Renovation des Waaghauses.

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Die Wetti als Teil des städtischen Entwässerungssystem
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Wer bis ins Jahr 1865 in der südlichen Altstadt im Gebiet des Gallusplatzes wohnte, konnte sich kaum seiner Adresse rühmen: Er oder sie lebte nämlich im sogenannten „Loch“. Die Bezeichnung „im Loch“ weist auf eine natürliche Geländevertiefung hin. Für die Stadtentwässerung war jedoch genau diese Vertiefung entscheidend. Mitten auf dem Gallusplatz befand sich der Ursprung dieses Systems, die so genannte „Wetti“. Es handelte sich um ein offenes, rund dreissig Meter langes Wasserbecken. Darin wurde Wasser von der Steinach gestaut und in die zahlreichen Stadtbäche geleitet. Dieses Bachwasser blieb nicht lange sauber: Abfälle, Unrat und anderes wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt in diese Bäche geworfen. Als Frühform der Kanalisation mögen diese Stadtbäche ihren Dienst getan haben, den Gestank und Schmutz möchte man sich aber heute nicht mehr vorstellen. Übrigens: Die Wetti wurde direkt mit Wasser von der Steinach gespiesen und war deshalb noch verhältnismässig sauber. So erstaunt es nicht, dass sie neben der Abwasserversorgung auch als Badeplatz und als Tränke für Pferde genutzt wurde.

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Der Marktplatz mit Metzg und Kornhaus

Der heutige St. Galler Marktplatz ist ein grosser, zusammenhängender Platz. Dies war nicht immer so: Über viele Jahrhunderte war er durch bedeutende Stadtgebäude in zwei Hälften geteilt. So standen in der Mitte des Platzes das imposante Rathaus, das Kornhaus mit seinem Getreidelager, das mit Material und Waffen bestückte Zeughaus,- und die „Metzg“ (das städtische Schlachthaus). Das 19. Jahrhundert veränderte diesen Ort komplett: Die öffentlichen Gebäude, die seit dem Mittelalter in diesem Bereich gestanden hatten, wurden den Bedürfnissen der neueren Zeit nicht mehr gerecht. Die „Metzg“ wollte man aufgrund der neu aufkommenden hygienischen Vorstellungen nicht mehr mitten in der Stadt haben. Das Korn- und Zeughaus waren zu klein und wurden verlegt. Später wurde auch das Rathaus als letzte Erinnerung an die alte Zeit abgerissen. Der neue Marktplatz war nun offen und erfüllte die städtebaulichen Bedürfnisse des 19. und 20. Jahrhunderts: Er bot viel Raum für Luft und Licht und liess den neuen Verkehrsmitteln – erst den Kutschen, später dem Tram und den Automobilen – genügend Raum.

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Die Kirche St. Mangen

Die Stadtkirche St. Mangen wurde im Jahr 898 zu Ehren des heiligen Magnus erbaut. Besondere Berühmtheit erlangten ihre Gemäuer durch die Märtyrerin Wiborada. Um sich ganz ihrem Glauben zu widmen, liess sie sich im Jahr 916 in eine kleine Klause in der Nordseite der Kirche einmauern. In der Abgeschlossenheit wurde sie von Visionen heimgesucht. Die Legende berichtet, dass sie den bevorstehenden Ungarneinfall in die Stadt St. Gallen vorausgesehen habe und sich deshalb die Sanktgaller Bevölkerung rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Nur Wiborada selbst harrte in ihrer Klause aus und wurde beim Einfall der Ungarn im Jahr 926 erschlagen. Ihr Leichnam wurde bei ihrer Zelle beigesetzt. In den darauf folgenden Jahren sollen sich an ihrem Grabe zahlreiche Wunder ereignet haben, so dass Wiborada im Jahr 1047 als erste Frau vom Papst in Rom heiliggesprochen wurde. Daraufhin wurde St. Mangen zu einem eigentlichen Wallfahrtsort. Die Reformation von 1528 bereitete diesem St. Galler Heiligenkult jedoch ein jähes Ende.

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Das Kloster St. Katharinen
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Im Jahr 1228 schenkten zwei wohlhabende St. Galler Bürger einer kleinen Gruppe frommer Frauen ein Stück Land, um diesen ein klosterähnliches Leben abseits des städtischen Trubels zu ermöglichen. Ihre Nachfolgerinnen nahmen knapp 150 Jahre später die Dominikanerregel an. Das Katharinenkloser, wie sie es nannten, gedieh. Um 1600 zeigten sich jedoch Sturmwolken am Horizont. Es war die Zeit der Reformation, und die städtischen Behörden begannen, katholische Institutionen zu schliessen. Nach längeren Konflikten mit den Klosterfrauen wurde St. Katharinen schliesslich vom städtischen Rat aufgehoben. Die Stadt kaufte 1594 den verbliebenen Nonnen das Kloster mitsamt seinen Bauernhöfen im Umland ab. Unter anderem mit diesem Geld gründeten sie in Wil ein neues Kloster, das heutige Kloster St. Katharina.

Die Gebäude des in der Stadt St. Gallen aufgehobenen Klosters St. Katharinen erlebten in der Folgezeit eine vielfältige Nutzung: Als Schule und Vadianische Bibliothek, aus der später die Stadtbibliothek hervorging, oder als Flüchtlingskirche für die französischen Hugenotten, in der evangelische Gottesdienste in französischer Sprache durchgeführt wurden. Im 19., 20. und 21. Jahrhundert gingen verschiedene Teile des ehemaligen Konventsgebäudes an Private über. Seit 1978 befindet sich die St. Galler Freihandbibliothek im ersten Obergeschoss. Weite Teile des ehemaligen Gebäudes wurden dann 2007 von der Wegelin & Co. Privatbankiers gekauft. 2012 gingen deren Liegenschaften an die Notenstein Privatbank AG über, jetzt gehören sie einer Gossauer Immobilienagentur. Der gotische Kreuzgang ist aber nach wie vor öffentlich zugänglich und eine ruhige Oase inmitten der Stadt.

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Das städtische Spital

Im Jahr 1228 stifteten der Stadtbürger Ulrich Blarer und der Niederadelige Ulrich von Singenberg für die Sozialfürsorge der Stadt ein Spital. Dieses so genannte Heiliggeistspital lag zwischen der Kugel-, Spital- und Marktgasse und war mehr als ein heutiges Spital: Es diente natürlich als Krankenhaus, darüber hinaus aber auch als Alters- und Pflegeheim sowie als Waisenhaus. Im 15. und 16. Jahrhundert lebten wohl um die 200 Menschen dort. Als typisch mittelalterliches Spital in einer vorstaatlichen Zeit ohne AHV, IV, Pensions- und Krankenkasse musste es sich aus eigener Kraft finanzieren. Spitäler des Mittelalters waren deshalb auch Wirtschaftsbetriebe mit eigenen Ländereien und Einkünften. Dem Spital St. Gallen gehörten Gebäude in der Stadt und es verfügte über viele abgabenpflichtige Bauernhöfe im Umland. Mit den Naturalbgaben in Getreide, Fleisch, Käse und Wein wurden die Spitalinsassen ernährt. Die Überschüsse wurden zudem gewinnbringend auf den städtischen Märkten und direkt an Abnehmer auf dem Land verkauft. Auf dem Stadtplan ist die beeindruckende Grösse des Heiliggeistspitals gut zu sehen: Der Komplex zwischen Kugel-, Spital- und Marktgasse mit seinen mehrstöckigen Häusern ist gut zu erkennen. Bis heute hat dieses Spital seine Tradition fortsetzen können: Die Nachfolgeinstitution ist heute das Bürgerspital an der Rorschacherstrasse, das wie die Altersresidenz Singenberg und die Geriatrische Klinik der Ortsbürgergemeinde St. Gallen gehört.

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Das Karlstor

Das Karlstor ist mehr als „nur“ ein Stadttor. Für Jahrhunderte war es ein eigentlicher Grenzübergang zwischen zwei unabhängigen Staaten. Was bedeutet das? Sehen Sie sich die Lage des Tores auf dem Stadtplan genau an. Es verbindet den ummauerten Klosterbezirk mit dem Umland ausserhalb der Stadtanlagen. Der Abt verfügte zwar über ein grosses Herrschaftsgebiet, aber dieses war zweigeteilt. Einerseits gehörten der Kloster- oder Stiftsbezirk in der reformierten Stadt dazu und andererseits weitreichende Territorien ausserhalb der Stadt. Einzig über das Karlstor war es dem Abt möglich, in seine katholischen Ländereien ausserhalb der Stadt zu gelangen, ohne eines der Stadttore der reformierten Stadt passieren zu müssen. Lange hatte der Abt um sein eigenes Tor kämpfen müssen – die Stadtsanktgaller hatten den Anspruch, den gesamten Zugang zu kontrollieren. Schliesslich setzte sich aber der Abt durch und eie Eidgenossen als Schiedrichter bewilligten ihm den Bau eines Tores. Das 1570 vollendete Tor erhielt seinen Namen vom Kardinal Karl Borromäus, der es als Erster durchschritten haben soll. Die künstlerische Gestaltung des Tores beeindruckt: Es ist mit einem spätgotischen Sandsteinrelief ausgestattet. Darauf dargestellt sind im oberen Teil der gekreuzigte Jesus mit Maria und Johannes, das Wappen von Papst Pius IV. Medici sowie das Reichswappen. In der Mitte folgt das Wappen von Abt Otmar II. Kunz, flankiert von den Heiligen Gallus (mit Bär) und Otmar (mit Weinfass). Unten sind zwei Löwen und ein Porträt des Bildhauers zu sehen. Während es früher dem Abt ermöglichte, sich frei zwischen seinen Territorien zu bewegen, hat es heute eher die Funktion, freies Bewegen zu verhindern: Es dient heute als städtisches Untersuchungsgefängnis.

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Die Schiedmauer

Sie haben auf dem Stadtplan den Rest einer Mauer gewählt, die sich ursprünglich der heutigen Zeughausgasse und Gallusstrasse entlang erstreckte und auf der Ostseite des Gallusplatzes an die eigentliche Stadtmauer anschlschloss. Mit dieser Mauer hat es eine besondere Bewandtnis: Es handelt sich um die 1567 erbaute sogenannte Schiedmauer. Die hohe Mauer – an gewissen Stellen war sie über neun Meter hoch – trennte das Stadtgebiet vom Klosterareal. Ihr Bau war 1566 beschlossen worden, als sich die Stadt nach jahrhundertelangen Anstrengungen definitiv von ihrer Herrschaft, dem Kloster St. Gallen, lösen konnte. Sie ist damit Ausdruck der Unabhängigkeit von Kloster und Stadt. Bezogen auf den Alltag stimmt dies jedoch nur bedingt: Denn es wird deutlich, auf welch engem Raum Kloster und Stadt nebeneinander lebten, und deshalb zur Zusammenarbeit gezwungen waren. Der grösste Teil der Schiedmauer wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgerissen, an der Zeughausgasse ist jedoch ein kleiner Rest bis heute erhalten geblieben.

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Die Gasse Hinterlauben

Der Name Hinterlauben steht für „Hinter-der-Laube“. Es ist also eine Ortsbezeichnung und gibt an, dass besagte Gasse hinter der Laube lag. Was ist mit Laube gemeint? Mit Laube wird der überdachte Gang unter einem Gebäude bezeichnet, in unserem Fall die sogenannte Brotlaube: An diesem Ort wurde das Brot gelagert und verkauft. Im oberen Stockwerk fand die St. Galler Leinwandschau statt. Dort wurde entschieden, welche der von Webern und Weberinnen der Stadt und des Umlandes gewobenen Leinentücher den strengen Qualitätsanforderungen für den Erhalt des begehrten St. Galler Gütesiegels enstprach. Die namengebende Laube ist heute allerdings nicht mehr zu sehen: Sie wurde 1874 abgerissen. Geblieben ist nur der Quartiername „Hinterlauben“. Mit diesem Stadtteil ist ein finsteres Kapitel in der stadtsanktgallischen Geschichte verbunden. Die Hinterlauben wurde lange „Judengasse“ genannt, denn bis in das Jahr 1349 wohnten dort vor allem Juden, die während den Pestjahren einer blutigen Verfolgung zum Opfer fielen. Wie an vielen anderen Orten auch hatte man das Gerücht gestreut, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, um die tödliche Krankheit zu verbreiten. Danach wurde die Gasse zu einem noblen Stadtviertel. Von besonderer Bedeutung ist das 1775 renovierte Haus „zum goldenen Apfel“ mit seinem Nebenhaus „zum tiefen Keller“, denn dort wohnte über viele Jahre der berühmte St. Galler Reformator, Humanist und Bürgermeister Joachim von Watt, genannt Vadian.

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Das Rathaus

Der wirtschaftliche Erfolg der noch jungen Stadt St. Gallen verlieh ihren Bürgerinnen und Bürgern grosses Selbstvertrauen. Ab dem 13. Jahrhundert bezeichneten sie sich in lateinischen Urkunden selbst als „cives“ – also als Bürger ihrer Stadt, nicht länger als Untertanen des Klosters. Sie gründeten einen städtischen Rat und legten die Regeln ihres Zusammenlebens an Versammlungen fest und schufen eine eigene Gesetzessammlung. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden zum ersten Mal ein eigener Bürgermeister und wirtschaftliche Interessengruppen, sogenannte Zünfte, erwähnt. Dennoch unterstand die Kommune bis zum ausgehenden Mittelalter offiziell noch immer der Herrschaft des Klosters. Erst 1457, mit dem sogenannten Speichingischen Vertrag, konnte sich die Stadt durch eine Geldzahlung vom Huldigungseid an den Fürstabt lösen. Die Einwohner konnten sich nun mit Fug und Recht als klosterunabhängige, freie Bürgerinnen und Bürger bezeichnen. Sitz des Stadtrates war das prächtige Rathaus. Dieses stand am Ort der heutigen Vadianstatue auf dem Marktplatz, ist also heute verschwunden: Es wurde im Jahr 1877 abgebrochen. Übrigens: Wer gegen die Gesetze verstiess, machte unter Umständen einen unliebsamen Besuch im Rathaus oder besser gesagt am Rathaus: Am untersten Stockwerk war der sogenannte Pranger mit dem Halseisen befestigt. Der oder die Verurteilte konnte so von allen Besucherinnen und Besuchern des Marktes gesehen werden, und es wurde unmissverständlich klar, dass die „gnädigen Herren“ des Stadtrates über Recht und Ordnung wachten.

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Die Marktgasse

Das kulturell und wirtschaftlich bedeutende Kloster übte schon im 10. Jahrhundert eine grosse Anziehungskraft auf die umliegenden Gebiete aus. Erste schriftliche Hinweise für einen um die Abtei wachsenden Siedlungskern geben zwei Urkunden aus den Jahren 1170 und 1228, die das Marktrecht bezeugen und einen Markplatz erwähnen. Der Wochenmarkt fand zu Beginn allerdings weiter oben in der Marktgasse statt. Das heutige Areal des Marktplatzes und des Bohls gab es bis ins 15. Jahrhundert noch nicht: Es wurde erst im Wiederaufbau der Stadt nach dem Brand von 1418 und der Erweiterung der Stadtmauer erschlossen. Im Zuge dieser Bauarbeiten wurde der bislang offen fliessende Irabach vollständig überdeckt. Neben dem Wochenmarkt war die Marktgasse übrigens auch der Ort der sogenannten Leinwandschau: die gewobenen Leinentücher wurden nach einem strengen Anforderungskatalog geprüft, und nur wer alle Qualitätskriterien erfüllte, erhielt vom städtischen Leinwandschauer das begehrte Gütesiegel für besondere St. Galler Qualität.

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Die Kirche St. Laurenzen

Mit der Kirche St. Laurenzen hatten die Stadtbürgerinnen und -bürger ihre eigenes kirchlich-religiöses Zentrum. St. Laurenzens Ursprünge reichen wie jene des Klosters zurück ins Frühmittelalter. Als Patron der Kirche wurde der heilige Laurentius auserkoren. Seine Märtyrergeschichte lässt einem die Haare zu Berge stehen: Als er sich am 10. August des Jahres 258 weigerte, heidnische Götter zu verehren, liess ihn der römische Kaiser zur Strafe auf einen glühenden Rost legen. Unter Todesqualen liess er für seinen Glauben sein Leben. Auch die Geschichte der Kirche selbst ist in gewisser Weise eine Leidensgeschichte: Bei den Stadtbränden von 1215, 1314 und 1418 wurde sie jeweils bis auf die Grundmauern zerstört. Erst der Bau aus den 1420er- und 1430er-Jahren blieb bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Seit ungefähr 1400 waren die Stadtbürger für den baulichen Unterhalt zuständig. Damit wurde diese Kirche zur wichtigsten Stadtkirche, wo in der Reformation im Jahre 1525 offiziell der evangelische Glaube eingeführt wurde. Noch heute gilt St. Laurenzen als Symbol der reformierten Stadt St. Gallen im Gegensatz zur nahen katholischen Kathedrale. Ihr Einflussgebiet hat sich allerdings stark verkleinert. Das Einzugsgebiet der Kirche St. Laurenzen reichte von Straubenzell, Tablat, Rotmonten, Wittenbach und Häggenschwil über Teufen, Bühler, Gais und Hundwil bis nach Speicher und Trogen. Das heutige Aussehen der St. Laurenzenkirche geht, abgesehen von ein paar spätmittelalterlichen Grundmauern, auf das 19. Jahrhundert zurück. 1850 bis 1854 wurde die damals baufällige Kirche im neugotischen Stil erneuert und zwischen 1963 und 1979 renoviert.

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Das Kloster

Aus der Zelle des Einsiedlers Gallus entstand Anfang des 8. Jahrhunderts das Benediktinerkloster mit seinem Abt Otmar. Die mittelalterliche Klosteranlange sah aber ganz anders aus als der heutige Stiftsbezirk: Die prächtige barocke Kirche wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts gebaut. Die Ausmasse der Otmarskirche waren bescheidener. Trotzdem gelangte das Kloster in den folgenden Jahrhunderten zu wirtschaftlichem Erfolg und zu herrschaftlichem Ruhm. Vor allem aber wurden in seinen Mauern die Literatur und der Gesang gepflegt. Die Dichtungen, Kompositionen und Übersetzungen der gelehrten Mönche Notker Balbulus, Tuotilo oder Ekkehard gehören heute zu den wertvollsten Kunstschöpfungen des europäischen Mittelalters. Das Kloster entfaltete eine kulturelle und wirtschaftliche Anziehungskraft, die weitere Menschen in seine Umgebung zog. Daraus entstand die Stadt St. Gallen. Bis zur Aufhebung des Klosters zu Beginn des 19. Jahrhunderts besass die Abtei St. Gallen eines der grössten Territorien der Eidgenossenschaft. Die Besitzungen des Klosters reichten vom St. Galler Rheintal bis an den Bodensee und über Wil bis ins Toggenburg. Selber aber war das Kloster inmitten der Stadt umgeben vom städtischen Hoheitsgebiet. Dieses enge Nebeneinander von Kloster und Stadt führte immer wieder zu Spannungen, zwang aber gleichzeitig zum Konsens. Während die ältere Forschung vor allem die Konflikte zwischen Stadt und Kloster betonte, nehmen neuere Untersuchungen die gegenseitigen Abhängigkeiten und Kooperationen stärker in den Blick.

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Die Legende vom Wandermönch Gallus in der Mülenenschlucht

Geschichtsschreiber des Klosters St. Gallen berichten von einer schicksalhaften Begegnung zwischen einem Bären und einem Menschen. Irgendwann um das Jahr 610 n. Chr. gelangte der irische Wandermönch Gallus auf seiner Pilgerreise in den Raum St. Gallen. Unten an der Mülenenschlucht soll er gestrauchelt sein. Dies deutete er als Weisung Gottes, an dieser Stelle seine Einsiedlerzelle zu errichten. Kaum hatte er jedoch mit seinem Werk begonnen, als er sich eines Abends, umgeben von dichtem Wald und Dunkelheit, auf den Knien, die Hände gefaltet zum Gebet, plötzlich einem Bären gegenübersah. Dank seiner gottgegebenen Kräfte schlug er ihn in seinen Bann und befahl ihm, Holz für seine Lagerstätte zu holen. Der Bär gehorchte, Gallus war gerettet und das Wappen des Klosters und der Stadt St. Gallen mit dem Bären als Bild war geboren.

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