Interaktiver Zeitstrahl

Entdecken Sie anhand von wichtigen historischen Wegmarken die Geschichte der Stadt St. Gallen. Suchen Sie eine Jahreszahl und raten Sie, was sich wohl in der Stadt ereignete. Oder stellen Sie Vergleiche mit Geschehnisse in anderen Städten zur selben Zeit an. Verknüpft mit den Ausführungen der Seite Stadtgeschichte im Überblick ergibt sich so ein facettenreiches Bild der geschichtichen Entwicklung der Stadt St. Gallen.

2020
Corona-Pandemie erreicht die Ostschweiz | Jahr 2020
Corona-Pandemie erreicht die Ostschweiz

Die Mass­nahmen des Bundes­rats zum Schutz der Be­völ­ke­rung vor dem Corona­virus führten auch in der Ostschweiz zu Anpassungen der Dienst­leistungen und Betriebe. In der ersten Jahreshälfte wurden bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Geschäfte und Schulen geschlossen. Viele Unternehmen führten in ihren Betrieben die Heimarbeit ein. Seit Ende Mai wurden die Massnahmen teilweise wieder gelockert. Erstmals seit ihrer Gründung wurden das St. Galler Open Air, die St. Galler Festspiele und das St. Galler Fest aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt.

2015
Eröffnung Bibliothek Hauptpost

Im Jahr 2015 eröffneten die Kantonsbibliothek Vadiana und die St. Galler Freihandbibliothek gemeinsam die Bibliothek Hauptpost am Bahnhof. Durch eine grosse Auswahl an Medien, Arbeitsplätzen für Forschende, Studentinnen und Studenten, einem Lesesaal im Turmzimmer sowie einem Café finden Erwachsene und Jugendliche schnellen Zugang zu Information und Wissen.

2008
Die AFG Arena öffnet | Jahr 2008
Die AFG Arena öffnet

Das Fussballstadion des FC St. Gallen im Westen der Stadt wurde eröffnet. Das Stadion mit Mantelnutzung und einer Kapazität von knapp 20’000 (Steh-)Plätzen löste das Espenmoos-Stadion im Osten der Stadt ab. Bis 2016 wurde das neue Stadion als AFG Arena bezeichnet, seither als Kybunpark. Es war das erste Schweizer Stadion, das nach einem kommerziellen Unternehmen benannt wurde.

2005
Der rote Platz, die Stadtlounge, wird eingeweiht

Das erste öffentliche Wohnzimmer der Schweiz breitet sich im St. Galler Bleicheli-Quartier unter freiem Himmel aus. Es ist mit rotem Gummigranulat überzogen und wird von kunstvollen Leuchtkörpern beleuchtet. Die „Stadtlounge“ der Künstlerin Pipilotti Rist und des Architekten Carlos Martinez lädt zum Entspannen und Staunen ein.

1998
Stadtverwaltung goes public

Seit Ende 1997 informierte die Stadt St.Gallen neben Tageszeitungen und Hörfunk über einen weiteren Kanal: Der Teletext wurde regelmässig mit Neuigkeiten bedient. Sie reichten von Öffnungszeiten der Badeanstalten bis zu aktuellen Mitteilungen des Stadtrates. Auch über eine Nutzung des Internets dachte man damals nach.

1996
Calatrava Halle Marktplatz

In den 1990er-Jahren wurden zwei Bauwerke des internationalen Stararchitekten Santiago Calatrava errichtet: 1996 die Wartehalle am Bohl, 1999 der umgebaute Pfalzkeller. Erstere erregte gewissen Unmut wegen der Kosten der Überdachung in der Höhe von 800’000 Franken.

1989
Geschichte der Stadt St. Gallen von Ernst Ehrenzeller erscheint | Jahr 1989
Geschichte der Stadt St. Gallen von Ernst Ehrenzeller erscheint

Die „Geschichte der Stadt St.Gallen“ von Ernst Ehrenzeller wird im „Waaghaus“ vorgestellt. Es ist noch immer die aktuellste Übersicht zur Geschichte der Stadt St.Gallen.

1987 – 1992
Eröffnung der Stadt­autobahn | Jahr 1987
Eröffnung der Stadt­autobahn

Im Sommer 1987 wurde die Stadtautobahn eingeweiht. Im Vorfeld war lange über die Linienführung und um den Anschluss St. Fiden gestritten worden. Die Planung war bereits in den 1950er-Jahren angelaufen. Es wurden zahlreiche Varianten – darunter eine Südumfahrung und eine Durchfahrt durch die Quartiere Bruggen, Vonwil und Lachen – diskutiert. Die knapp zehn Kilometer lange Stadtautobahn wurde schliesslich innert zehn Jahren realisiert. Sie kostete 780 Millionen Franken.

1986
Die Ersparnisanstalt der Stadt St.Gallen zieht ins „Haus zur grünen Thür“ an der Webergasse

Seit 1867 befand sich die 1811 gegründete Ersparnisanstalt der Ortsbürgergemeinde im Erdgeschoss des Stadthauses. In der Folge öffnete sich die Bank einem allgemeinen Publikum und weitete ihren Geschäftskreis über St. Gallen in schweizerische und süddeutsche Gebiete aus. 1896 erfolgte der Eintrag ins Handelsregister unter dem offiziellen Titel „Ersparnisanstalt der Stadt St. Gallen“. Nach 1945 profitierte die Erparnisanstalt vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung. Der Jahr für Jahr festzustellende Geschäftszuwachs verlangte nach einer Ausweitung der Räumlichkeiten, die 1975 beim Schibenertor und nach 1986 im Haus «Zur Grünen Thür» an der Webergasse gefunden wurden. 2006 wurde die Ersparnisanstalt unter dem neuen Namen Vadian Bank in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, um für Kapitalerhöhungen, Kooperationen oder Mitarbeiter-Beteiligungen flexibler zu werden. 2014 wurde die Vadian Bank an die St. Galler Kantonalbank verkauft.

1983
Die Kathedrale und der Stiftsbezirk erhalten von der UNESCO das Siegel „Weltkulturerbe“ | Jahr 1983
Die Kathedrale und der Stiftsbezirk erhalten von der UNESCO das Siegel „Weltkulturerbe“

Der Stiftsbezirk St. Gallen wurde aufgrund seiner ausserordentlichen Bedeutung für die Menschheit im Jahr 1983 in die UNESCO Welterbe-Liste aufgenommen. Der Liste des Welterbes liegt das «Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt» (Welterbekonvention) zugrunde, das 1972 in Paris verabschiedet wurde. Ziel der Konvention ist es, die Kultur- und Naturgüter der Menschheit, die einen «aussergewöhnlich universellen Wert» besitzen, zu erhalten.

1980
Die Geriatrische Klinik wird eröffnet

Das Bürgerspital aus dem Jahre 1845 war als Gebäude konzipiert, das verschiedenen Aufgaben diente: Es umfasste Krankenanstalten, Arbeitsanstalten, eine Armenanstalt und eine Pfrundanstalt (eine etwa einem heutigen Altersheim entsprechende Institution), jeweils getrennt für Männer und Frauen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden Pläne für die Ausgliederung der Kranken aus dem Bürgerspital in ein eigenes neues Spitalgebäude. Diese Pläne ruhten, bis in den 1970er-Jahren der bauliche Zustand des Bürgerspitals eine durchgreifende Umgestaltung der Anlage zwingend erforderlich machte. Der Bürgerrat plante in Absprache mit dem Kanton St. Gallen den Aufbau einer Geriatrischen Klinik. Anfang November 1980 wurde die Geriatrische Klinik eröffnet, und gleichzeitig wurde das ehemalige Krankenhaus im alten Gebäude Bürgerspital in ein Alters- und Pflegeheim umgebaut. Dessen Wiedereröffnung erfolgte im Februar 1982.

1979
Vertrag zwischen Stadt und Rediffusion | Jahr 1979
Vertrag zwischen Stadt und Rediffusion

Durch den Vertrag zwischen der Stadt St.Gallen und der Rediffusion AG wurde auf Ende des Jahres 1982 das Drahtfernsehnetz erstellt. St.Gallerinnen und St.Galler erhielten Zugriff auf neun Fernseh- und dreizehn Radioprogramme. Nur ein Jahr zuvor war die erste tägliche Lokalsendung  vom Silberturm aus ausgetstrahlt worden: das Regional-Journal von Radio DRS.

1978
Erste Bürgerwanderung: Sie führt auf die Bernegg-Kuppe und zum Unteren Brand

Im September 1978 fand der erste Fussmarsch der Ortsbürgergemeinde statt, den sie für die Stadtsanktgaller Bevölkerung organisierte. Er führte auf die Bernegg-Kuppe über den Ringelberg zum Unteren Brand. 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten historische und forstwirtschaftliche Erläuterungen, und „bei Bratwurst und Getränk“ fand die „Begegnung mit der Bürgerschaft einen gemütlichen Abschluss“ (Amtsbericht). Der grosse Erfolg liess die Bürgerwanderung zu einem jährlich wiederkehrenden Anlass werden.

1977
Das erste OpenAir St.Gallen findet statt | Jahr 1977
Das erste OpenAir St.Gallen findet statt

Zu Beginn der 1970er-Jahre wollte der Hobbyorganisator von Discos und Konzerten ‚Freddi „Gagi“ Geiger‘ eine Plattform für regionale Schweizer Bands schaffen. Er und seine Mitstreiter waren fasziniert vom Gedanken des friedlichen Gemeinschaftserlebnisses und wollten die Konzerte unter freiem Himmel in einer Campingatmosphäre anbieten. 1977 fand das erste OpenAir auf dem Abtwiler Ätschberg statt und lockte über 2’000 Besucherinnen und Besucher an. Zu den auftretenden Gruppen zählten unter anderem Krokus und Toni Vescoli. Ab 1981 fand das OpenAir im Sittertobel statt – und dies bis heute.

1974
Eröffnung der St. Galler Beratungsstelle für Frauenfragen

In den 1960er- und 70er-Jahren etablierte sich die Neue Frauenbewegung. Thema Nummer eins war die Abtreibungsdebatte. In St. Gallen bildete sich 1974 eine Frauengruppe, bestehend aus Lehrerinnen, Studentinnen der HSG, Müttern, Kindergärtnerinnen, Hausfrauen und Angestellten. Eine Wohnung an der Linsebühlstrasse diente als Beratungsstelle für Frauenfragen. Trotz solcher Initiativen kamen die Erfolge in der Schweiz nur langsam: 1971 Frauenstimmrecht, 1981 Gleiche Rechte für Mann und Frau in der Verfassung, 1988 neues Eherecht; bis 1992 war die Vergewaltigung in der Ehe kein Offizialdelikt, und die Gleichstellung am Arbeitsplatz trat erst 1996 in Kraft.

1973
Das Hallenbad „Blumenwies“ nimmt seinen Betrieb auf | Jahr 1973
Das Hallenbad „Blumenwies“ nimmt seinen Betrieb auf

Das Hallenbad Blumenwies wurde im Winter 1973 mit einem Lehrschwimmbecken, einem 25-Meter-Schwimmbecken mit fünf Bahnen sowie einem Sprungbecken eröffnet. Es sollte dem Schwimmsport sowie dem Schulschwimmen dienen. Nachdem sich die Zahlen negativ entwickelten, wurden 1984 eine Sprudelanlage sowie Massagedüsen eingebaut, 1993 bis 1995 folgten ein Planschbecken sowie eine Rutschbahn. Seit einigen Jahren ist die Kapazitätsgrenze erreicht, dementsprechend ist eine Erweiterung geplant.

1970
Aktion „Rotes Herz“ bewegt die Gemüter

Am Anfang des Jahres 1970 sorgte ein Skandal in der Kantonsschule St. Gallen für Aufsehen. Zwei minderjährige Schüler waren ein intimes Verhältnis eingegangen und sollten wegen moralischer Verfehlung von der Schule gewiesen werden. Klassenkameraden solidarisierten sich mit dem Paar und lancierten die Aktion Rotes Herz. Es wurden Flugblätter gedruckt und als Zeichen ein weisser Knopf mit rotem Herz getragen. Das Rektorat der Schule fürchtete solche autoritätskritischen Bewegungen in der Schülerschaft und schaltete den St. Galler Erziehungsrat ein. Dieser befasste sich mit dem Fall, erliess schliesslich der Schülerin die Strafe, ihr Freund sollte aber weggewiesen werden. Die Jugendbewegungen liessen sich durch solche Strafen nicht entmutigen. Es folgten Demonstrationen an der HSG zu politischen Themen, und es entstanden Treffpunkte für die linke Szene in St. Gallen, so der Club Africana oder die Kommune im 4. Stock der Liegenschaft Schwertgasse 3. Für kurze Zeit sorgte auch die linke Zeitung Roter Gallus für Aufsehen.

1963
Das renovierte „Kaufhaus“ wird in „Waaghaus“ unbenannt | Jahr 1963
Das renovierte „Kaufhaus“ wird in „Waaghaus“ unbenannt

Nach heftigen Diskussionen um den Namen des renovierten „Kaufhauses“ beschloss der Stadtrat am 20. August die Namensänderung auf „Waaghaus“. Es sollte der historische Bezug zum ursprünglichen Gred- oder Waaghaus aus der Zeit Kaiser Friedrich III. (1466) hergestellt werden.

1963
Im Grossacker findet die Grundsteinlegung des Säuglings-und Kinderspitals statt

1909 wurde auf Initiative der Ärztin Dr. Frida Imboden-Kaiser an der Volksbadstrasse 27 das Säuglingsspital eröffnet. Daneben gründete sie auch eine Säuglingsfürsorgestelle mit Mütterberatung und eine Milchküche, die trinkfertige Säuglingsmilch abgab. Aus dem Säuglingsspital ging später das Ostschweizer Kinderspital hervor, welches 1963 auf das Grossackerareal umzog.

1957
Das St.Galler Tram wird vom Netz genommen | Jahr 1957
Das St.Galler Tram wird vom Netz genommen

Zwischen 1897 und 1957 verkehrte in St. Gallen ein Tram. In den 1910er-Jahren erfuhr das Steckennetz seine maximale Ausdehnung mit einer Betriebslänge von knapp 12 Kilometern. Das Tram wurde rege genutzt: In den 1940er-Jahren sind jährliche Nutzungszahlen von elf Millionen Fahrgästen überliefert. Ab 1950 wurde das Tram sukzessive durch Trolleybusse ersetzt. 1957 wurden die Tramlinien gänzlich eingestellt. Die von der Trogenerbahn seit 1903 mitbenutzten Gleise in der Innenstadt blieben erhalten.

1956
Die ersten ungarischen Flüchtlinge erreichen St.Gallen

Der Ungarnaufstand von 1956 brachte ungarische Flüchtlinge in die Stadt. Im Gegensatz zur verhaltenen Reaktion auf die schutzsuchenden Hugenotten, die St. Gallen vor 250 Jahren nach dem Edikt von Nantes aufgesucht hatten – die Stadt wollte damals die guten Beziehungen zu Frankreich nicht gefährden –, war die Solidarität gegenüber den geflohenen Ungarn gross. Im Dezember erreichten die ersten ungarischen Flüchtlinge die Stadt St.Gallen. Die 401 Männer, Frauen und Kinder wurden in der Kaserne untergebracht. Der Prager Frühling des Jahres 1968 brachte schliesslich eine zweite Flüchtlingswelle: Die Stadt solidarisierte sich mit den tschechischen Verfolgten und stellte Unterkünfte zur Verfügung.

1954
500-Jahr Feier der Stadt St. Gallen

Die Stadt St. Gallen feierte 1954 ihr 500-jähriges Bestehen. Nach einer Festrede vor der Tonhalle wurde das von Georg Thürer verfasste Festspiel „Unser Bär im Bund“ aufgeführt. Begleitet wurde die Veranstaltung durch ein grosses Volksfest.

1952
SAK und Stadt eröffnen Naturschutzgebiet Gübsensee | Jahr 1952
SAK und Stadt eröffnen Naturschutzgebiet Gübsensee

Das Wasser des Stausees im Westen der Stadt St. Gallen – der Gübsensee – wird seit dem Jahr 1900 zur Erzeugung von Elektrizität verwendet. 1957 wurden der See und das umliegende Gelände unter Naturschutz gestellt.

1951
Erste Gallusfeier

Seit 1951 wird jeweils am 16. Oktober – dem Tag, an dem dem heiligen Gallus gedacht wird – eine Feier durchgeführt, welche die Stadt St. Gallen organisiert. Im Zentrum steht ein meist Referat, das sich meistens einem historischen Thema widmet.

1943
Erste „Ostschweizerische land- und milchwirtschaftliche Ausstellung“ (OLMA) | Jahr 1943
Erste „Ostschweizerische land- und milchwirtschaftliche Ausstellung“ (OLMA)

Im Oktober 1941 wurde in der Tonhalle erstmals eine landwirtschaftliche Ausstellung durchgeführt, die dem Thema „Mehranbau“ im Rahmen des Plans Wahlen gewidmet war. 1943 entstand daraus die OLMA, die alljährlich durchgeführte „Ostschweizerische land- und milchwirtschaftliche Ausstellung“, die im Mai 1946 durch den Bundesrat als vierte gesamtschweizerische Messe anerkannt wurde und die in der Nachkriegszeit bei Besucherinnen und Ausstellern auf rasch wachsendes Interesse stiess. Die OLMA entwickelte sich zu einem Teil des ostschweizerischen Selbstverständnisses und symbolisierte in ihrer Dynamik den wirtschaftlichen Wiederaufschwung der Stadt.

Als OLMA im Kleinformat öffnete die 1. St.Galler Frühlingsmesse (erst OFM, später OFFA) im Jahr 1977 ihre Tore.

1939 – 1945
Ostschweiz im 2. Weltkrieg | Jahr 1939
Ostschweiz im 2. Weltkrieg

Die Zeit des 2. Weltkriegs ging auch an der Stadt St. Gallen nicht spurlos vorbei. Ein Jahr nach Ausbruch des 2. Weltkriegs fand sich die Stadt ungeschützt am Rande des Feindeslandes. General Guisan hatte die Reduit-Strategie verkündet und somit die gesamten Truppenverbände in die Gebirgszüge der Innerschweiz zurückgezogen. Zur gleichen Zeit wurden sämtliche Grünanlagen der Stadt zu Kartoffel- und Getreidefeldern umfunktioniert (Plan Wahlen). Vor allem im Jahr 1943 schreckten die Einwohnerinnen und Einwohner immer wieder durch Alarmsirenen auf: Fremde Flieger überquerten die Ostschweiz und richteten Schäden im Raum Thurgau an. Die „Gallus-Stadt“ schreibt unter dem Datum 21. Juni: „Gegen die vom Bodensee anfliegenden fremden Flugzeuge setzte heftiges Abwehrfeuer ein. Am deutschen Ufer röteten starke Brandherde den Himmel.“

1924
Cinema Palace Theater | Jahr 1924
Cinema Palace Theater

Auf dem Blumenbergplatz eröffnet der aus Zürich-Oerlikon stammende Elektromonteur Jules Schulthess das „Cinema Palace Theater“. Es soll die Bevölkerung für das Medium Film begeistern. An der Galavorstellung vom 25. März 1924 lief der Film „Das Karussel im Prater“ mit live Tanzeinlagen der Wiener Solotänzerin Hedy Pfrundmayr. Seit 2006 ist das Palace ein Konzert- und Kulturlokal.

1921
Das neue Historische Museum öffnet seine Pforten

Als Höhepunkt der Bautätigkeit sahen die Zeitgenossen „den monumentalen Bau des neuen Historischen Museums“, der den städtischen Sammlungen mehr Raum verschaffen sollte. Nachdem die Bürgerversammlung am 28. Juni 1914 zugestimmt hatte, begannen mitten im Krieg die Arbeiten, um dem städtischen Gewerbe Beschäftigung zu verschaffen. Das Interesse am neuen Gebäude im April 1921 gestaltete sich „zu einem Massenandrang“, und sogar die Neue Zürcher Zeitung lobte die Ortsbürgergemeinde, dass sie „den Mut hatte, in schwerster Zeit der Wissenschaft ein so stattliches Heim zu bauen“. Das neue Museum war das letzte grosse Gebäude, das die Ortsbürgergemeinde erstellen sollte. „Sie ist dadurch“, wie Ratsschreiber Gottfried Bodemer rückblickend meinte, „vorläufig mit einer kräftigen Entwicklungsperiode zum Abschluss gekommen, auf die sie mit Stolz zurückblicken darf.“

1918
Stadtvereinigung zwischen St. Gallen, Straubenzell und Tablat

Noch stärker als in der Stadt verlief das Wachstum in den beiden Nachbargemein­den Straubenzell und Tablat. Diese ehemals äbtischen Untertanengebiete entwickelten sich innerhalb weniger Jahrzehnte von katholisch geprägten Bauerngemein­den zu Industrievororten mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Arbeiterinnen und Arbeiter, viele davon aus dem Ausland. Baulich wuchsen St. Gallen, Straubenzell und Tablat allmählich zu einer einzigen Agglomeration zusammen und verschmolzen mit der Stadtvereinigung von 1918 zur rund 70’000 Menschen zählenden politischen Gemeinde St. Gallen in ihren bis heute gültigen Grenzen.

1914 – 1918
Suppenküchen werden eingerichtet und die Nahrungsmittel rationiert

Seit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs war die Welt ein anderer Ort geworden. Kriegsbedingte Handelshemmnisse, unter denen vor allem der Schweizer Export von Maschinen, Uhren und Stickereien litt, paarten sich mit Importengpässen. Knapp ein Drittel der schweizerischen Lebensmittel kam aus dem Ausland, und das Ausbleiben dieser Importe führte zu einer Rationierung der Nahrungsmittel. Die Situation spitzte sich so weit zu, dass ein Drittel der städtischen Bevölkerung berechtigt wurde, vergünstigte Nahrungsmittel zu beziehen. Zusätzlich richtete die Stadt Suppenküchen ein, die Ende 1918 bis zu 5’000 Liter Suppe pro Tag bereitstellten. Die Unterernährung in weiten Teilen der Bevölkerung trug dazu bei, dass die spanische Grippe sich zu verbreiten begann. In der Woche vom 13. bis 19. Oktober erkrankten 2’239 Personen, 40 Patienten starben. Es wurden Notspitäler in der Tonhalle und der Kaserne eingerichtet. Um die Ansteckungsgefahr einzudämmen wurden Ansammlungen von Menschenmassen untersagt. Dies betraf vor allem Theateraufführungen und Vergnügungsanlässe.

1914
Stickereikrise

St. Gallens Wirtschaft war stark abhängig von der Stickereiindustrie. Diese einseitige Abhängigkeit führte zu einer Wirtschaftskrise, als die Exporte in die vom Krieg gebeutelten Länder ausblieben. Dazu kamen Änderungen im Modegeschmack der 1920er-Jahre. Die ausladenden Stickereiröcke des 19. Jahrhunderts wichen bequemen Jungendstilroben oder praktischen Frauenkleidern, die auch zum Arbeiten getragen werden konnten. Hohe Arbeitslosigkeit und geschmälerte berufliche Perspektiven erdrückten die St. Galler Arbeitnehmer. Sie solidarisierten sich nun zunehmend als eigene politische Kraft in Arbeitervereinen und Gewerkschaftsbünden.

1913
Neuer Hauptbahnhof | Jahr 1913
Neuer Hauptbahnhof

Die grossstädtisch anmutenden Gebäude am Bahnhof St. Gallen sind geprägt von der Hochkonjunktur der Textilindustrie. Die Stadt St. Gallen hatte den Wettbewerb, der nicht nur die eigentlichen Bahnhofsgebäude, sondern auch die Hauptpost umfasste, gemeinsam mit dem Eidgenössischen Departement des Innern durchgeführt. Die Architekten Kuder und von Senger belegten gemeinsam mit zwei weiteren Büros den ersten Rang. Von Senger realisierte in der Folge bis 1913 das Bahnhofgebäude im neubarocken Stil. 1915 wurde die einschiffige Bahnsteighalle fertiggestellt.

1912
Die Zentrale der schweizerischen Raiffeisenkassen wird in St. Gallen eröffnet | Jahr 1912
Die Zentrale der schweizerischen Raiffeisenkassen wird in St. Gallen eröffnet

1899 wurde die erste Raiffeisenkasse in der Schweiz gegründet, 1902 folgte der Zusammenschluss von zehn Instituten zum Schweizerischen Raiffeisenverand. 1912 wurde in St. Gallen eine gemeinsame Geschäftsstelle eingerichtet. Faktisch befindet sich der Hauptsitz von Raiffeisen Schweiz seit dann in St. Gallen; die rechtliche Anerkennung erfolgte 1936.

1909
Einweihung der Tonhalle in St. Gallen | Jahr 1909
Einweihung der Tonhalle in St. Gallen

Bereits in den 1890er-Jahren wurde der Bibliothekssaal des Gebäudes des Gymnasiums – der heutigen Kantonsschule am Burggraben – als zu klein für die dort stattfindenden Konzerte des Konzertvereins St. Gallen empfunden. Nichtsdestotrotz wurde erst 1906 mit dem Bau eines Konzertgebäudes begonnen; Finanzierungsschwierigkeiten und Standortdiskussionen hatten den Bauprozess verzögert. 1909 wurde das Gebäude nach einem Entwurf des Architekten Julius Kunkler, der lange als erster Geiger im Orchester mitgewirkt hatte, eröffnet. Das Gebäude ist im Baustil des Neobarocks mit Elementen des Jugendstils errichtet. Die Bauweise war revolutionär: Als Traggerüst diente ein Eisenbetonskelett.

1907
Neubau für Stadtbibliothek und Stadtarchiv (Vadiana) | Jahr 1907
Neubau für Stadtbibliothek und Stadtarchiv (Vadiana)

Im Jahr 1905 nahm die Ortsbürgergemeinde den Neubau einer Stadtbibliothek an die Hand. Mit Rücksicht auf „weitgehendste Feuersicherheit“ und den „zeitsparenden Betrieb“ sollten die Bücher nicht mehr „in weitläufigen Sälen auf hohen hölzernen Regalen“ platziert werden, sondern in Büchermagazinen, „die nur so hoch gehalten werden, dass die ausgestreckte Hand eines auf dem Boden des Gelasses stehenden Mannes die Bücher auf dem obersten Brette noch bequem erreichen vermag“. Deshalb wurden nun solche Magazine geschaffen, die „auf Schönheit allerdings keinen Anspruch machen können, die aber für den Betrieb äusserst zweckdienlich sind und in hohem Masse raum- und zeitsparend wirken“. Diesem Vorhaben stimmte die Bürgerversammlung zu, und am 6. Oktober 1907 wurde die neue Vadiana, erbaut vom Architekten Karl Mossdorf, für das Publikum geöffnet.

1904
Die Vadian-Statue am Marktplatz wird eingeweiht | Jahr 1904
Die Vadian-Statue am Marktplatz wird eingeweiht

Das Selbstbewusstsein der Ortsbürgergemeinde um die Jahrhundertwende lässt sich bis heute am Vadiandenkmal ablesen. Ziel war es, für die Hundertjahrfeier des Kantons, in dem sich die katholisch-konservativen und freisinnigen Kräfte gegenüberstanden, einen eigenen städtisch-liberalen Akzent zu setzen. Die städtische Elite enthüllte das Monument am 7. Juli 1904, anlässlich des eidgenössischen Schützenfestes. Als erster Festredner sah der Organisator des Anlasses, der Bürgerratspräsident Walter Gsell, in Vadian den Begründer der stadt-sankt-gallischen Bürgertugenden. Darüber hinaus zeigte sich im über 100’000 Franken teuren Monument von Richard Kissling die wirtschaftliche Potenz der Stickereistadt und ihrer Bürgergemeinde.

1900
Erstes St. Gallisches Elektrizitätswerk (Kubelwerk) | Jahr 1900
Erstes St. Gallisches Elektrizitätswerk (Kubelwerk)

Die Geldgeber Eduard Hohl und Lucian Brunner finanzierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das grosse Industrieprojekt des Kubelwerks. Basierend auf Plänen von Louis Kürsteiner und Gabriel Narutowicz und ausgeführt durch die strenge Arbeit italienischer Mineure versorgt es seit 1900 die Umgebung St. Gallens mit Strom.

1897
Das erste Tram fährt durch die Stadt | Jahr 1897
Das erste Tram fährt durch die Stadt

Um 1890 wurde im Zusammenhang mit der Einführung der Elektrizität auch der Bau einer innerstädtischen Tramlinie diskutiert. Die Politische Gemeinde baute bis Ende 1896 diverse Geleise, u.a. bis Bruggen, zur Post Langgasse und nach Wiesental (Krontal). Nur ein Jahr später konnte das erste Tram durch die Stadt fahren. Mit einer Geschwindigkeit von 18km/h wurden die meisten Linien im 10-Minuten-Takt befahren. Die Betriebszeit dauerte bereits in dieser Anfangszeit von morgens 6 bis abends 10 Uhr.

1895
Wasserversorgung für die Stadt aus dem Bo­densee | Jahr 1895
Wasserversorgung für die Stadt aus dem Bo­densee

In St. Gallen ist auf Stadthöhe nur wenig Quell- und Grundwasser vorhanden. Die Versorgung wird deshalb seit dem späten 19. Jahrhundert mit Wasser aus dem Bodensee sichergestellt. Am 1. Mai 1895 floss zum ersten Mal Wasser aus dem Bodensee in die Stadt St. Gallen. Noch heute erinnert der Broderbrunnen des Toggenburger Bildhauers August Bösch daran.

1893
Inbetriebnahme der Mühleggbahn zwischen dem Müllertor und dem Dorf St. Georgen | Jahr 1893
Inbetriebnahme der Mühleggbahn zwischen dem Müllertor und dem Dorf St. Georgen

Die Mühleggbahn ist das älteste innerstädtische öffentliche Verkehrsmittel. Sie wurde im Jahr 1893 in Betrieb genommen und verband die Stadt mit dem Dorf St.Georgen. Angetrieben wurde sie mit Schwerkraft: Zwei Wagen, über ein Zugseil verbunden, zogen sich gegenseitig mit Hilfe von Wassertanks nach oben. In der Mitte des Tunnels kreuzten die Fahrzeuge, die Ausweichstelle lässt sich noch heute an der Tunnelform erkennen. Ab 1950 wurde die Mühleggbahn auf Zahnradbetrieb umgestellt, ab 1975 auf vollautomatisierte elektronische Systeme.

1892
Eröffnung Wildpark Peter und Paul | Jahr 1892
Eröffnung Wildpark Peter und Paul

Der Wildpark Peter und Paul öffnete mit 32 Tieren. Er liegt auf ortsbürgerlichem Boden und erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. Zu seinen Sehenswürdigkeiten gehört der mächtige Felsennachbau für die Steinböcke. Im Wildpark Peter und Paul wurde durch Zucht der Grundstein für die Wiederansiedlung des Steinbocks in der Schweiz gelegt. 1906 lieferte ein Wilderer aus dem Aostatal, dem einzigen Ort, an dem ein Restbestand überlebt hatte, einige Steinkitze nach St. Gallen. 1911 konnten im St. Galler Weisstannental die ersten Tiere ausgewildert werden. In den 1950er-Jahren folgte die Freilassung von sechs Tieren im Alpstein, zuerst oberhalb des Seealpsees und später im Gebiet vom Wildhauser Schafboden. Die Population im Alpstein hat sich seit den 1970er-Jahren so gut entwickelt, dass sie wieder bejagt werden kann.

1881
Die Synagoge wird eingeweiht | Jahr 1881
Die Synagoge wird eingeweiht

Der Bauauftrag für eine Synagoge ging von der Israelitischen Kultusgemeinde an das Zürcher Architekturbüro Chiodera und Tschudy, welches die 250-plätzige Synagoge im maurisch-byzantinischen Stil erbaute.

1879
Gründung des Fussballclubs St. Gallen (FCSG)

Die sportliche Betätigung gehörte für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu einem erfüllten Lebensstil. Aus diesem Grund wurden eine Vielzahl von Vereinen gegründet. In der Stadt St. Gallen rief ein Artikel im St. Galler Tagblatt vom 19. April 1879 zu einem Treffen im Restaurant Hörnli an der Neugasse auf: Das Ziel war die Gründung eines Fussballvereins. Das Gründungsjahr ist nicht gesichert, da das Gründungsprotokoll verloren ist. Die ersten Statuten des Vereins weisen jedoch ebenfalls das Jahr 1879 auf, weshalb von einer offiziellen Gründung in diesem Jahr ausgegangen werden kann.

 

1877
Abbruch des alten Rathauses | Jahr 1877
Abbruch des alten Rathauses

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche öffentliche Gebäude im Gebiet der heutigen Altstadt und vor allem der heutigen Marktgasse abgebrochen, darunter das Rathaus, die Metzg, das Zeughaus oder Teile des Heiliggeist-Spitals. Der Grund für diesen städtebaulichen Kahlschlag bestand in den damaligen baulichen Forderungen: Damals kam der Ruf nach viel Raum für Luft und Licht auf. Die vormals zwei Plätze Markt und Bohl wurden durch diese Abbrüche zu einem „Platzungetüm“ und zum Gegenstand einer seit dann andauernden städtebaulichen Grundsatzdebatte, die sich seit dem frühen 21. Jahrhundert auf die Gestaltung der Marktstände konzentriert.

1873 – 1877
Einweihung des ersten Museums der Stadt St. Gallen | Jahr 1873
Einweihung des ersten Museums der Stadt St. Gallen

Zwischen 1873 und 1877 verwirklichte die Ortsbürgergemeinde mit einem repräsentativen Gebäude, das sich an die Schlossarchitektur anlehnte und an den Rand des Stadtparks zu liegen kam, ein aufwändiges Bauvorhaben im Interesse von Kunst und Wissenschaft (heute Museumstrasse 32). Im Oktober 1877 fand die Einweihung dieses ersten Museumsbaus in St. Gallen statt, der die naturwissenschaftlichen und die historischen Sammlungen sowie jene des Kunstvereins beherbergte.

1870
St. Gallen zählt über 16’000 Einwohnerinnen und Einwohner

Die Stadt erfuhr im 19. Jahrhundert einen Bevölkerungszuwachs wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Im Jahr 1870 betrug sie 16’676 Menschen, um 1900 bereits 33’116 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Stadt wuchs über die Grenzen der Altstadt hinaus, und es bildete sich eine Stadt vor der Stadt. Gleiches lässt sich auch für die Anzahl der Häuser sagen. Zählte man im Jahr 1830 1’757 Häuser auf Stadtgebiet, waren es 1889 3’051. Auslöser dieser radikalen Veränderungen war die Stickereiindustrie. Sie gestaltete das Stadtbild und die Stadterfahrung in grossem Masse um.

1867
Das Hohe Haus (Stadthaus) wird Verwaltungssitz der Ortsbürgergemeinde | Jahr 1867
Das Hohe Haus (Stadthaus) wird Verwaltungssitz der Ortsbürgergemeinde

1867 wurde das gegen Ende des 16. Jahrhundert erbaute so genannte Hohe Haus zum Verwaltungssitz der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. Ursprünglich hatte das Gebäude dem vermögenden Kaufmann Hans Schlumpf als Privat- und Geschäftshaus gedient. Nach mehreren Besitzerwechseln – stets innerhalb der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elite der Stadt – hatte das Kaufmännische Directorium das Gebäude erworben, um dort Ende des 18. Jahrhunderts das Postwesen einzurichten. Als die Post ihren heutigen Standort an den Hauptbahnhof verlegte, veräusserte das Directorium das Gebäude an die Ortsbürgergemeinde, die hier ihren Hauptsitz hat.

1865 – 1914
Stickereiblüte, Hochkonjunk­tur der Sticke­reiindustrie

Um 1850 hatte die St. Galler Firma Rittmeyer eine Stickfabrik mit zwölf Maschinen gegründet, welche die Arbeit von je rund vierzig Stickerinnen ersetzten. Die mit diesen Maschinen produzierten Artikel stiessen international zuerst auf Misstrauen, 1865 folgte der Durchbruch. Um die Mitte der 1870er-Jahre war die Anzahl Stickmaschinen in der Ostschweiz von rund 770 auf über 10’000 Stickmaschinen angestiegen, 1890 waren bereits 18’000 Maschinen in Gebrauch. Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr die Stickerei durch die Einführung der Schifflistickmaschinen einen weiteren Aufschwung. Nach 1900 erhielt die Schifflistickmaschine durch Stickautomaten von noch höherer Produktivität weitere Konkurrenz. Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs und vor allem nach einem radikalen Modewechsel um das Jahr 1920 geriet die Stickerei in eine schwere Krise, die St. Gallen besonders hart traf.

1857
Einweihung des Theatergebäudes am Bohl | Jahr 1857
Einweihung des Theatergebäudes am Bohl

Der Architekt Johann Christoph Kunkler entwarf und erstellte in den Jahren 1855-1857 ein für 800 Zuschauer konzipiertes Theater am Bohl. Ein Jahr später begeisterten die ersten Abonnementskonzerte die St. Galler Zuschauerinnen und Zuschauer: Richard Wagner und Franz Liszt gaben Gastkonzerte.

1856
Erste Eisenbahnbrücke in St. Gallen | Jahr 1856
Erste Eisenbahnbrücke in St. Gallen

Die Bahnlinie Wil-St. Gallen musste das tiefe Sittertobel überwinden. Nach der Prüfung mehrerer Varianten wurde im Winter 1853 mit dem Bau einer Gitterkonstruktion begonnen. Beauftragter Unternehmer war der Ingenieur Gaspard Dollfus aus Mülhausen und Basel. Die Einweihung am 24. März 1856 wurde mit einem grossen Volksfest begangen.

1854
Bankgründungen, u.a. St. Gallische Creditanstalt (heute acrevis) und St. Galler Kantonalbank | Jahr 1854
Bankgründungen, u.a. St. Gallische Creditanstalt (heute acrevis) und St. Galler Kantonalbank

1854 wurde die Creditanstalt in St. Gallen – ab 1919 „St. Gallische Creditanstalt“ genannt – gegründet. In den Folgejahren sollten weitere Banken entstehen: 1856 die Kleine Leihkasse sowie im selben Jahr die „Deutsch-Schweizerische Creditbank“, welche 1889 überging in die „Schweizerische Kreditanstalt“. Diese Gründungen stehen in Zusammenhang mit einem Wandel des Binnen- und Aussenhandels, der die Nachfrage nach Zahlungsmitteln und Geschäftskrediten ankurbelte, was wiederum zu einer Geldverknappung führte.

1850 – 1900
Ausbau und Neuordnung des Schulwesens | Jahr 1850
Ausbau und Neuordnung des Schulwesens

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden in der Stadt verschiedene Bildungsinstitutionen. Die Industrieschule wurde 1842 von der Ortsbürgergemeinde und dem Kaufmännischen Directorium gegründet, war aufgeteilt in eine technische und eine merkantile Abteilung und bereitete ihre Schüler auf eine technisch-naturwissenschaftliche oder eine kaufmännische Laufbahn vor. Weitere Schulen entstanden: Die Verkehrsschule führte in die technischen Berufe auf den Gebieten Eisenbahn, Post, Telegraf und Zoll ein. Eine Zeichnungsschule (1867) und ein zugehöriges Industrie- und Gewerbemuseum (1878, heute Textilmuseum) bildete die Sticker aus. Angehende Kaufleute gingen in die 1898 eröffnete Handelsakademie, aus der sich im 20. Jahrhundert die Universität St. Gallen (HSG) entwickeln sollte.

Ein repräsentatives Schulhaus baute die Ortsbürgergemeinde in den 1850er-Jahren: die heutige Kantonsschule am Burggraben. 1855 bezogen das Gymnasium, die Industrieschule, die Knaben-Realschule, die naturwissenschaftlichen Sammlungen und die Stadtbibliothek den multifunktionalen Bau, der überdies einen Saal für Ausstellungen und Konzerte aufwies.

1850 – 1854
Umbau der St. Laurenzenkirche im neugotischen Stil | Jahr
Umbau der St. Laurenzenkirche im neugotischen Stil

Die Ausscheidungsurkunde von 1832, die die Vermögenswerte und Nutzungsrechte zwischen der Politischen und der Ortsbürgergemeinde aufteilte, wies der letzteren das Kirchenamt – und damit die Verantwortung für das Kirchenwesen – zu. Ins Gewicht fielen Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich die Kosten für die Kirchenbauten. So liessen die Ortsbürger 1839 das Innere der St. Mangenkirche und in den folgenden drei Jahren deren Aussenfassaden renovieren sowie den dortigen Friedhof, auf dem die Verstorbenen aus der Altstadt ihre letzte Ruhe fanden, erweitern.

Ein noch grösseres Bauvorhaben stellte die Erneuerung der St. Laurenzenkirche dar. Die alte, durch Anbauten im Laufe der Zeit unförmig gewordene Kirche wurde zwischen 1850 und 1854 durch die Erhöhung des Mittelschiffs in eine wohl proportionierte Basilika im neugotischen Stil umgestaltet, innen bunt bemalt und mit einem neuen Turm versehen. Eine neue Orgel und Bestuhlung rundeten im Jahr 1856 das Bauvorhaben ab. Weitere gesamtheitliche Renovationen wurden in den Jahren 1963 und 1979 vorgenommen.

1848
Gründung des Schweizerischen Nationalstaates

Innerhalb der Eidgenossenschaft loderte in den 1840er-Jahren der Konflikt zwischen katholisch-konservativen und liberalen Kräften. Am 11. Dezember 1845 schlossen sich die katholischen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Freiburg und Wallis zu einer „Schutzvereinigung“ zusammen, die von ihren liberalen Gegnern als „Sonderbund“ verunglimpft wurde (nach dem Bundesvertrag von 1815 war es Kantonen verboten, sich zu verbünden, wenn daraus Nachteile für andere Kantone entstehen würden). In den folgenden Jahren wurde um Begriffe wie „Freiheit“, „Nation“ oder „Heimat“ gestritten. Die Entscheidung, ob die liberalen oder die konservativ-katholischen Kräfte ihre Definition von Staat druchsetzen konnten, sollte durch eine Abstimmung fallen. St. Gallen war hier das berühmte Zünglein an der Waage: Mit knapper Mehrheit sprachen sich die Bürger für das liberale Lager aus. Der Sonderbund gab nicht kampflos auf: In einer blutigen Schlacht im November 1847 trafen die Sonderbundstruppen auf die liberalen Truppen unter General Henri Dufour, denen sie unterlagen. In der Folge wurde eine neue, liberale Bundesverfassung erarbeitet und am 12. September 1848 von allen Kantonen angenommen.

1845
Bau des Bürgerspitals

Der bauliche Zustand des Heiliggeist-Spitals war mangelhaft geworden, sodass der Verwaltungsrat in den 1830er-Jahren gezwungen war, Massnahmen zu ergreifen. Die Bürgerversammlung beschloss 1837 den Bau eines neuen Bürgerspitals. Dieses sollte aber nicht mehr in der Stadtmitte, sondern an deren Rand zu stehen kommen, wo die Insassen reine Luft und Bewegung geniessen konnten und für die Altstadtbewohner keine unerwünschte Nachbarschaft mehr bilden würden. So wurde der Neubau nach Plänen des Stadtbürgers Johann Christoph Kunkler an der Rorschacher Strasse erstellt und am 2. Oktober 1845 eingeweiht. Das neue Bürgerspital war ein Spital im traditionellen Sinn und erfüllte als solches verschiedene Funktionen, war gleichzeitig Altersheim, Krankenhaus sowie Armen- und Arbeitsanstalt. Fortan wurden alle ortsbürgerlichen Kranken gemeinsam im Bürgerspital hospitalisiert. Fremde Kranke, solche ohne sankt-gallisches Bürgerrecht, blieben indes weiterhin ausgeschlossen. Das Bürgerspital beherbergte unmittelbar nach der Eröffnung im Herbst 1845 141 Personen, von denen über 70 Prozent in der Armen- oder der Arbeitsanstalt lebten.

In unmittelbarer Umgebung zum Bürgerspital liess die Politische Gemeinde 1867 ein Gemeindespital errichten, das ab 1873 als Kantonsspital weitergeführt wurde.

1839
Die Fotografie kommt in die Stadt | Jahr 1839
Die Fotografie kommt in die Stadt

Der Toggenburger Künstler Johann Baptist Isenring beschäftigte sich bereits in den 1830er-Jahren mit der Daguerreotopie und zeigte erste fotografische Abbildungen neben seinen Zeichnungen in seinem Atelier am Oberen Graben.

1832
Vertragliche Trennung der Vermögenswerte zwischen der Politischen Gemeinde und der Ortsbürgergemeinde

Seit 1831 waren zwei Körperschaften für die Belange des städtischen Lebens zuständig: Die Politische Gemeinde für das Polizeiwesen und die Ortsbürgergemeinde für die Verwaltung ihres Eigentums, das allerdings zu einem erheblichen Teil öffentlichen Zwecken diente. Aus diesem Grund mussten die Vermögenswerte, die die beiden Körperschaften zur Erfüllung ihrer jeweiligen öffentlichen Aufgaben benötigten, sinnvoll aufgeteilt werden. Zu diesem komplizierten Geschäft erarbeitete eine sogenannte Sönderungskommission einen Vertragsentwurf: Die „Ausscheidungsurkunde zwischen der Politischen und der Genossengemeinde der Stadt St. Gallen“ wurde am 29. Juni 1832 vorgelegt. Zunächst benannte die Ausscheidungsurkunde die Vermögenswerte, die im Eigentum der Ortsbürger verblieben. Und es war auffallend viel, was die alten Bürgergeschlechter weiterhin als kollektiven Besitz beanspruchten. Dazu zählten etwa das Säckelamt, das Bauamt mit seinen Gebäuden, die Allmenden in der Stadt und die sogenannten Gemeindsböden mit ihren öffentlichen Gebäuden, die alten Leinwandbleichefelder sowie die Wälder und Steinbrüche. Der Ortsbürgergemeinde gehörten zudem zahlreiche Güter im Umland. Die Ortsbürgergemeinde übernahm aber auch mancherlei Verpflichtungen, die im öffentlichen Interesse lagen. Dazu zählten soziale Aufgaben, zu deren Finanzierung sie laut Ausscheidungsurkunde beispielsweise das Spitalamt, das Stockamt und das Prestenamt erhielt. Des Weiteren unterhielt die Ortsbürgergemeinde Schulen, und dafür sollten ihr die Knaben- und die Mädchenschulkasse samt Gebäuden die materiellen Grundlagen liefern. Weil sie auch Trägerin der evangelischen Kirche war, sprach ihr die Ausscheidungsurkunde das Kirchenamt, die Kirchenpfarrpfrund und die Mesmerhäuser zu. Auch die Stadtbibliothek und die Ersparnisanstalt galten als ortsbürgerliche Institutionen.

Verglichen mit den Vermögenswerten der Ortsbürger nahmen sich jene, die die Ausscheidungsurkunde der Politischen Gemeinde zusprach, sehr bescheiden aus. Damit diese ihren feuerpolizeilichen Verpflichtungen nachkommen konnte, erhielt sie die Spritzenhäuser samt Feuerspritzen und Gerätschaften. Sie durfte überdies verschiedene Abgaben und Gebühren einziehen, beispielsweise die Obst-, Korn- und Hafergebühr, die Marktgebühren und jene, die beim Waaghaus, beim Tuchhaus und bei den „Einläßen“ (vermutlich beim nächtlichen Passieren der Stadttore) anfielen. Dabei handelte es sich um Gelder, die die Politische Gemeinde im Rahmen ihrer gewerbe- und sicherheitspolizeilichen Funktionen erhob. Zudem gewährte ihr die Ausscheidungsurkunde einen Drittel der Zehnten und Grundzinse, die die Verpachtung der Güter des Amtes im thurgauischen Bürglen und der Schaffnerämter im Thurgau und Rheintal einbrachte.

1831
Endgültige Trennung zwischen der Politischen Gemeinde und der „Genossengemeinde“ (Ortsbürgergemeinde)

Die neue sankt-gallische Kantonsverfassung regelte die Zusammensetzung und Zuständigkeiten der Behörden. Jeder politischen Gemeinde sollte ein Gemeinderat von fünf bis 15 Mitgliedern vorstehen. Den Ortsgemeinden stand es frei, ob sie zur Verwaltung ihres Besitzes eine eigene, als Verwaltungsrat bezeichnete Behörde wählen oder diese Aufgaben vom Gemeinderat erledigen lassen wollten. Die Ortsbürgerversammlung sprach sich am 9. Oktober 1831 mit grossem Mehr für die Aufteilung in zwei Behörden aus. Damit trennten sich die Wege der Politischen und der Ortsbürgergemeinde St. Gallen definitiv, nachdem sie seit der Helvetik über dreissig Jahre lang nie klar voneinander geschieden gewesen waren.

Bereits am 16. Oktober 1831 wählten die Aktivbürger den 15-köpfigen Gemeinderat und die Ortsbürger eine Woche später den aus elf Mitgliedern bestehenden Verwaltungsrat. Im Verwaltungsrat konnten ausschliesslich Ortsbürger Einsitz nehmen. An die Spitze sowohl des Gemeinde- als auch des Verwaltungsrats traten Männer, die sich in Politik und Verwaltung bereits einen Namen gemacht hatten: Den Gemeinderat präsidierte als Gemeindammann der liberalkonservative Carl August Gonzenbach (1779–1851), ein Kaufmann und Kantonsrat, während die Ortsbürger zum Verwaltungsratspräsidenten Johann Jacob Zollikofer (1775–1854), den Kanzleidirektor und ersten Staatsschreiber des Kantons St. Gallen, beriefen. Gonzenbach und Zollikofer vertraten den Kanton in den frühen 1830er-Jahren auch als Gesandte an der eidgenössischen Tagsatzung.

1824
Das erste Kinderfest erfreut Jung und Alt | Jahr 1824
Das erste Kinderfest erfreut Jung und Alt

Das erste Kinderfest, ursprünglich „Jugendfest“ genannt, wurde am 28. September 1824 abgehalten. Seine Wurzeln hat das Fest in älteren Bräuchen, wie dem Gregorius- oder Rutenfest. Bis 1909 nahmen auch Kadetten und die Artillerie am Umzug teil. Daran erinnern noch heute die morgendlichen Böllerschüsse aus einer alten Kanone. Von Anfang an gehörte der Umzug durch die Innenstadt und der Gang zur Festwiese zum Festablauf. Um die Jahrhundertwende wandelte sich das Fest im Zuge der Stickereiblüte zu einem „Textilfest“, bei dem die St.Galler Stickerei präsentiert wurde. Schulkinder, Zuschauerinnen und Zuschauer trugen die neuesten Modekreationen, sei es in Form der weiss bestickten Mädchenkleider oder auch in Form von farbenfrohen und edlen Stoffen. Infolge der Wirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg und dem Mentalitätswandel in den späten 1960er-Jahren traten die Stickereien etwas in den Hintergrund. Heute ist das gestickte Weiss aber nach wie vor am Umzug und auf dem Festplatz präsent.

1811
Bau eines städtischen Waisenhauses | Jahr 1811
Bau eines städtischen Waisenhauses

Ein Gutachten von 1808 bemängelte das Heiliggeist-Spital als Aufenhaltsort für Waisenkinder. Um die unbefriedigenden Zustände wirkungsvoll zu verbessern, so fuhren die Gutachter fort, müssten die Kinder von den übrigen Spitalinsassen getrennt und in einem eigenen Gebäude untergebracht werden. Das neue Waisenhaus sollte auf einem Grundstück des Wirts Jacob Scheitlin vor dem Schibenertor (spätere Adresse: Rosenbergstrasse 16) zu stehen kommen und aufgrund von Plänen des Baumeisters Leonhard Wartmann erstellt werden. Am 22. Juli 1811 bezogen 34 Knaben und 25 Mädchen das neue Waisenhaus.

Im Frühling 1873 eröffnete die Ortsbürgergemeinde eine Zweiganstalt des Waisenhauses auf Dreilinden. Hier sollten namentlich schulisch schwächere Kinder ausgebildet und auf einen Beruf vorbereitet werden, indem sie neben dem Schulunterricht praktische Tätigkeiten und Landarbeit verrichten mussten. Rund zwei Jahre nach der Eröffnung lebten elf Knaben und zwei Mädchen in dieser Zweiganstalt.

1801
Industrialisierung in St.Gallen

Gleichzeitig mit der politischen setzte in St.Gallen die industrielle Revolution ein: 1801 gründete eine Aktiengesellschaft eine mechanische Baumwollspinnerei, welche als eine der ersten Fabriken in der Schweiz gilt. Diesem Beispiel folgten in der Stadt und ihrer Nachbarschaft bald weitere Spinnereien, welche die Wirtschaft belebten, aber auch die Schattenseiten des Fabriksystems wie übermässige Arbeitszeiten oder Kinderarbeit mit sich brachten. Zentrale Bedeutung für die städtische Wirtschaft erlangte die Mechanisierung der Stickerei durch die Stickmaschine. Sie bildete die technische Voraussetzung für die „Stickereiblüte“, die Hochkonjunktur der St.Galler Stickereiindustrie. Sie dauerte von den späteren 1860er-­Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und beherrschte die Wirtschaft der Ostschweiz und Vorarlbergs. St.Galler Stickereien eroberten den Weltmarkt und gehörten dank der grossen Ausfuhrmengen nach den USA, aber auch nach Grossbritannien, Frankreich und Deutschland zu den wichtigsten Exportartikeln der Schweiz.

1798 – 1803
Einmarsch französischer Truppen, Helve­tische Revolution, Aufhebung der Fürstabtei und der Stadtrepublik als souveräne Staaten

Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurden die inneren Verhältnisse der Alten Eidgenossenschaft im Zuge des Einmarsches der französischen Truppen und der Helvetischen Revolution grundlegend umgestaltet. Mit der territorialen Neuordnung in der Ostschweiz wurden 1798 sowohl die Stadtrepublik als auch die Fürstabtei St. Gallen als souveräne Staaten aufgehoben. Nach einer Zeit der politischen Unruhe und Instabilität erfolgte 1803 die von Napoleon verordnete Gründung des Kantons St. Gallen mit der gleichnamigen Stadt als Hauptort. Die Franzosen führten als revolutionärste Neuerung das Schweizer Einheitsbürgerrecht ein. Mit dieser Neuerung löste Napoleon zwar das Problem der ausgeprägten rechtlichen Ungleichheit in der Alten Eidgenossenschaft, schuf aber gleichzeitig ein neues: Die alten Orte bzw. die alten Bürgergeschlechter hatten teilweise grosses Vermögen, oft in der Form von Grundbesitz, angehäuft. Diese alten Geschlechter wehrten sich nun dagegen, dass die „neuen“ Schweizer Bürger Mitbesitzer an diesem sogenannten Bürgergut werden sollten. Um diesen Konflikt zu lösen, unterschied die helvetische Gesetzgebung neu zwischen den Aktivbürgern und den Anteilhabern am Gemeindegut. Zu den Aktivbürgern zählten alle niedergelassenen Schweizer Bürger, ob sie nun aus der Wohn- oder aus einer anderen eidgenössischen Gemeinde stammten. Die heutigen Bürger- oder Ortsbürgergemeinden hingegen entwickelten sich aus der Gemeinschaft der Anteilhaber an den Gemeindegütern. Dementsprechend gehen die Wurzeln der Bürgergemeinden auf diese Trennung in Aktivbürger und Ortsbürger zurück.

1779
Gründung der Brauerei Schützengarten | Jahr 1779
Gründung der Brauerei Schützengarten

Johann Ulrich Tobler kaufte die Liegenschaft vor dem Platztor, auf welchem sich ein Schützenhaus und der „Scheibenstand der Schützengesellschaft vor dem Platztor“ befanden. Das Schützenhaus funktionierte er umgehend zu einer Biersiederei um. Damit war der Grundstein für die erfolgreiche Geschichte der Brauerei Schützengarten gelegt.

1767
Eröffnung der im Rokoko-Stil erbauten Stiftsbibliothek | Jahr 1767
Eröffnung der im Rokoko-Stil erbauten Stiftsbibliothek

Zwischen 1758 und 1767 wurde der Büchersaal der Stiftsbibliothek errichtet. Die Iniative dazu geht auf die Äbte Cölestin II. Gugger von Staudach und Beda Angehrn zurück. Der Büchersaal gilt als einer der schönsten nicht-kirchlichen Barockräume der Schweiz.

1755 – 1769
Neubau der Klosterkirche

Abt Cölestin Gugger gestaltete den Stiftsbezirk während seiner Amtszeit (1740-1767) in vielerlei Hinsicht um. Zwischen 1755 und 1767 wurde die Kirche im Barock-Baustil erbaut (bis 1761 durch Peter Thumb, anschliessend durch Johann Michael und Johann Ferdinand Beer). Der Innenausbau nahm noch deutlich mehr Zeit in Anspruch: Die endgültige Weihe erhielt sie erst 1867, lange nach Aufhebung des Stiftes.

1753
Geburtsjahr der Stickerei in St. Gallen

1753 wurde in St.Gallen erstmals Baumwolle bestickt. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts setzte nebst der Handstickerei die mechanische Stickerei ein. Dieser Industriezweig beherrschte bis zum 1. Weltkrieg die Wirtschaft der Stadt, die als Sitz weltweit tätiger Exportfirmen das Zentrum eines grossen Stickereiproduktionsgebiets war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die St. Galler Stickerei zu den wichtigsten Exportartikeln der Schweiz.

1721
Beginn der Baumwoll­verarbeitung

In den 1720er-Jahren setzte der Niedergang des früher sehr erfolgreichen Leinwandgewerbes ein. 1721 führte Peter Bion in St.Gallen die Baumwollverarbeitung ein, anfangs gegen grossen Widerstand vor allem der Weberzunft, die an der Leinwand festhalten wollte. Das Spinnen, Weben, Veredeln und – ab den 1750er-Jahren auch das Besticken – von Baumwolle beschleunigten den Zerfall des Leinwandgewerbes, ermöglichten der Region nach einer schwierigen Übergangsphase jedoch grosse ökonomische Perspektiven.

1707
Der Erker am Haus zum Pelikan | Jahr 1707
Der Erker am Haus zum Pelikan

Zu den schönsten und ältesten Häusern der Altstadt gehört noch heute das an der Schmiedgasse 15 gelegene Haus zum Pelikan. Die Bausubstanz des Hauses reicht zurück ins 15. und 16. Jahrhundert. 1707 wurde das Gebäude durch einen prunkvollen Erker ergänzt. Er zeigt die vier Erdteile Europa, Asien, Afrika und Amerika; Australien fehlt. Europa wird als gekrönte Frau mit Zepter dargestellt, Afrika durch einen leicht bekleideten Mann mit Sonnenschirm, Asien durch eine üppig gekleidete Frau mit Turban und Amerika durch einen Mann mit Papagei und Federschmuck. Über allem thront der Pelikan, in einem Dornennest sitzend, symbolisch für den Erlöser Christi, der über die vier Weltteile und alle Menschen herrscht.

1697
Kampfloser Verlauf des „Kreuzkriegs“

Als der Abt und Kardinalsanwärter Cölestin Sfondrati Ende 1695 mit einem Zug durch die Stadt Richtung Gossau ritt, hielten die Reiter ihre Degen aufrecht in der Hand – sehr zum Ärgernis des Stadtrates, der sich beim Kloster beschwerte. Doch dies war erst der Auftakt: Der in der Geschichtsschreibung als „Kreuzkrieg“ bezeichnete Konflikt entzündete sich an einer Prozession der katholischen Landbevölkerung. Ihr war es untersagt, auf Stadtgebiet Kreuze und Fahnen öffentlich zu tragen. 1697 weigerte sich eine Prozession, dieses Gebot einzuhalten, und die Stadt reagierte mit Kriegsvorbereitungen: Kanonen wurden in Stellung gebracht. Im Gegenzug schlossen äbtische Truppen die Stadt ein. Dank der Vermittlung von Abgeordneten aus Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus konnte im letzten Moment eine friedliche Einigung gefunden werden.

1685
Ankunft zahlreicher hugenottischer Flüchtlinge

1685 widerrief der französische König Ludwig XIV. das Edikt von Nantes. Daraufhin intensivierte sich die aktive Verfolgung der Hugenotten. Viele dieser Reformierten flohen in die Schweiz, zahlreiche davon auch nach St.Gallen, wo eine französische Kirchgemeinschaft entstand. Unter den Hugenotten gab es zahlreiche hochqualifizierte Berufsleute. Sie verhalfen der Wirtschaft in St.Gallen und andernorts zu grossem Aufschwung.

1673
Fünftes Stadtbuch

Die gesetzlichen Grundlagen der Stadt St. Gallen wurden revidiert und in einem fünften Stadtbuch veröffentlicht. Das war das letzte von Hand verfasste Stadtbuch.

1663
Bau des neuen Rathauses mit offener Markthalle im Erdgeschoss

Von 1564 bis 1877 befand sich das Rathaus am unteren Ende der Marktgasse, unmittelbar beim Marktplatz. In seiner Gestalt und Bemalung erinnert es an zum Teil in heutigen süddeutschen Städten noch erhaltene Repräsentationsbauten. Auf die Fassade des St. Galler Rathauses war der Reichsadler mit Krone gemalt als Ausdruck davon, dass St. Gallen eine vom König privilegierte Reichsstadt war. Am untersten Stockwerk des Rathauses war der sogenannte Pranger mit dem Halseisen befestigt.

1650
Die Stadt zählt 6’000 Menschen | Jahr 1650
Die Stadt zählt 6’000 Menschen

Die Bevölkerung der Stadt St.Gallen zählte um das Jahr 1650 ungefähr 6’000 Menschen. Als vollberechtigte Einwohner zählten allerdings nur männliche, erwachsene Bürger. Frauen und Fremde hatten geringere Rechte. Grosse soziale Unterschiede prägten das Stadtbild. Zwischen 1500 und 1650 besassen zwei bis sechs Prozent der Stadtbevölkerung über 50 Prozent des gesamten Vermögens. Einzelne politisch bedeutende und wohlhabende Persönlichkeiten schufen sich in der St. Galler Innenstadt ihr Denkmal: eine Vielzahl bunt gestalteter Erker, welche noch heute die städtischen Gassen zieren.

1611
Die Pest wütet in St.Gallen

1611 war in St. Gallen ein verheerendes Pestjahr. Die überdurchschnittlich hohe Zahl von 1092 Todesfällen waren zu beklagen. Der Eintrag aus dem Totenbuch lautet:

„Ihn dysem abgeloffnen Jar sind gestorben
Erstlich von Mannen: 160
Von Wyttfrowen: 81
Von Ehefrowen: 126
Von Knaben: 100
Von Döchteren und Dienstrnägten: 174
Von Kinderen: 451

Thuott die gantz Suma: 1092

Gott verlieh ihnen unnd uns allen zu seiner Zeyt ain fröliche Aufferstähung.
Amen“

Nicht weniger schlimm aber waren die längerfristigen Folgen der Epidemien. Der grosse Verlust an Arbeitskräften bedeutete nicht-bewirtschaftete Äcker, was wiederum zu Ernteausfällen und Hungersnöten führte. Und im gewerblichen Sektor brach die Leinwandproduktion ein, da die überlebenden Arbeiterinnen und Arbeiter durch Flucht aus der Stadt dem sicheren Tod zu entkommen versuchten.

1601 – 1603
Viertes Stadtbuch

Die durch grosse politische und konfessionelle Veränderung erstarkte Stadt revidierte die bisherigen gesetzlichen Grundlagen in einem neuen Gesetzesbuch.

1566 – 1567
Trennung von Stadt und Kloster | Jahr 1566
Trennung von Stadt und Kloster

Im Jahr 1566 trennten sich Kloster und Stadt definitiv: Die beiden Territorien wurden durch eine mehrere Meter hohe Mauer, die ungefähr der Zeughausgasse und Gallusstrasse entlang verlief, voneinander abgegrenzt. Rechte der Abtei auf Stadtboden und althergebrachte städtische Verpflichtungen gegenüber dem Kloster wurden mit hohen Geldbeträgen abgelöst. Das Gleiche geschah mit Ansprüchen, welche die Stadt dem Kloster gegenüber geltend machen konnte. Die beiden St. Gallen – das benediktinische Reichskloster und sein Staat (auch Fürstabtei genannt) auf der einen sowie die reformierte Reichsstadt auf der anderen Seite – existierten von da an als unabhängige und gleichberechtigte Staaten neben­einander. Obwohl zwischen ihnen oft Spannungen herrschten, waren sie auf eine friedliche Koexistenz angewiesen, dies allein schon wegen ihrer Lage: Der so genannte Stiftseinfang mit dem Verwaltungssitz der Fürstabtei lag innerhalb der Stadt und wurde von dieser völlig umschlossen, während die Stadt ihrerseits vom weitläufigen Territorium des Klosters umfasst war.

1527
Erstmalige Feier des reformierten Abendmahls | Jahr 1527
Erstmalige Feier des reformierten Abendmahls

Auch in St. Gallen war die Reformation ein politisch geförderter Akt: Mittels Erlassen setzte die Obrigkeit die Reformation aktiv durch. So liess der Rat beispielsweise im Dezember 1526 Heiligenbilder und -statuen aus der St. Laurenzenkirche und 1528 aus der Kirche St. Mangen entfernen. 1527 führte er die Kinderlehre ein. An Ostern desselben Jahres feierte die Gemeinde in St. Laurenzen das erste evangelische Abendmahl. Die Messe war abgeschafft – und für die reformatorisch gesinnte Bevölkerung ein Meilenstein erreicht.

1526
Vadian wird zum Bürgermeister von St. Gallen gewählt | Jahr 1526
Vadian wird zum Bürgermeister von St. Gallen gewählt

Joachim von Watt (1483/84-1551) entstammte einer St. Galler Kaufmannsfamilie und widmete sich bereits in jungen Jahren Studien im Ausland. An der Universität Wien wurde er Professor für Poesie und von Kaiser Maximilian mit dem Dichterkranz gekrönt. Er leitete die Wiener Sängerknaben und wurde schliesslich zum Rektor der Universität gewählt. Nach dem Erwerb des Doktors in Medizin liess er sich ab 1518 als Stadtarzt in St. Gallen nieder. Wie sein Wiener Studienfreund Huldrych Zwingli setzte er sich in der Folge intensiv mit den Gedanken der Reformation auseinander und förderte diese in seiner Heimatstadt.

1524
Reformation | Jahr 1524
Reformation

Unter der Führung des Humanisten und nachmaligen Bürgermeisters Joachim von Watt (genannt Vadian, 1483/84–1551) und des Luther­schülers Johannes Kessler (1502/03–1574) trat St. Gallen als eine der ersten eidgenössischen Städte zur Reformation über. Diesen mehrjährigen Prozess kennzeichnen namentlich zwei wichtige Etappen: 1524 erliess der städtische Rat das Gebot des Schriftprinzips, dem gemäss Predigten allein auf die Bibel gegründet sein durften. Drei Jahre später wurde in der städtischen Hauptkirche St. Laurenzen erstmals das Abendmahl nach reformiertem Brauch gefeiert. Entsprechend dem damals üblichen Grundsatz, innerhalb eines Herrschaftsgebiets nur eine einzige Konfession zuzulassen (cuius regio eius religio), setzte sich die Bürgerschaft der Stadt St. Gallen fortan ausschliesslich aus Reformierten zusammen.

1508
Drittes Stadtbuch von St.Gallen

Dieses ersetzte das durch viele Ergänzungen unübersichtlich gewordene zweite Stadtbuch von 1426.

1489
Rorschacher Kloster­bruch | Jahr 1489
Rorschacher Kloster­bruch

In den 1480er-Jahren plante der St. Galler Abt Ulrich Rösch die Festigung seines Territoriums und wählte als Standort für eine Aussenstelle („Probstei“) den Mariaberg oberhalb von Rorschach. Die Appenzeller waren über diese Entwicklung wenig erfreut, fürchteten sie doch um ihre Besitzungen im Rheintal. Auch für St. Gallen war die Lage unangenehm, denn die Stadt profitierte von den Arbeitsplätzen und den Wallfahrern, die das Kloster in die Stadt zog. Eine St. Galler Delegation sprach vor dem Fürstabt in Wil vor und verlangte die Stilllegung des Rorschacher Klosterbaus. Abt Rösch verlangte ein eidgenössisches Schiedsgericht. So lange wollten die St. Galler und Appenzeller aber nicht warten und nahmen die Sache selbst in die Hand: bewaffnet marschierten sie nach Rorschach und zerstörten die Mauern und das Holzwerk des im Bau befindlichen Klosters. Zwar wurde diese Aktion im Nachgang vom eidgenössischen Schiedsgericht bestraft, aber die sanktgallisch-appenzellischen Truppen hatten ihr Ziel erreicht: Der Klosterbau wurde nur kurze Zeit wieder aufgenommen und nach dem Tod von Abt Rösch nicht fortgesetzt.

1457
Speichingischer Vertrag

Zwischen 1457 und 1462 erwirkte die Stadt mehrere eidgenössische Schiedsprüche, um verschiedene Rechte des Klosters und der Stadt zu klären. Ein grosser Schritt in die Unabhängigkeit der Stadt vom Kloster war von nun an das Wegfallen des Huldigungseides der Stadtbürger gegenüber dem Fürstabt.

1454
Stadt wird Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft

Im 15. Jahrhundert drangen die Eidgenossen immer weiter Richtung Ostschweiz vor. 1451 wurden das Kloster St. Gallen und 1454 die Stadt als Zugewandte Orte in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Nach langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Kloster und Stadt kam es zu eidgenössischen Schiedssprüchen (1457–1462), die einen weiteren Schritt zur Verselbständigung der Stadt bedeuteten. Die vielen Uneinigkeiten und Streitpunkte zwischen Stadt und Kloster waren damit aber noch nicht beigelegt, sondern eskalierten 1489/90 bis zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. Schliesslich musste sich die Stadt der eidgenössischen Ordnungsmacht unterstellen, bemühte sich aber auch weiterhin – vor allem aus wirtschaftlichen Gründen – um eine gute Beziehung zum Reich.

1450
Bedeutendste Leinenhandelsstadt im Bodenseegebiet | Jahr 1450
Bedeutendste Leinenhandelsstadt im Bodenseegebiet

Die Herstellung von Leinentüchern war im Bodenseegebiet schon früh verbreitet, im ausgehenden Mittelalter erreichte St. Gallen darin die Spitzenposition. Noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das Wort „Costances“ in Frankreich und Spanien der Inbegriff für Qualitätstuch gewesen. Fünfzig Jahre später war St. Gallen anstelle von Konstanz zur führenden Textilstadt im Bodenseegebiet aufgestiegen. St. Gallens Handelsnetz reichte von Spanien bis Polen und von Norddeutschland bis Italien. Diese Entwicklung trug wesentlich zu einem gewissen Wohlstand der Stadt bei.

1426
Zweites Stadtbuch von St. Gallen

Im sogenannten zweiten Stadtbuch (Gesetzbuch) von St. Gallen spiegeln sich der zwischenzeitlich erfolgte Ausbau und die Differenzierung der städtischen Verwaltung. Im Gegensatz zum ersten Stadtbuch verfügt das zweite bereits über ein Register und stark hervorgehobener Titeleien.

1401 – 1429
Appenzeller Kriege

Das Land Appenzell und die Stadt St. Gallen lehnten sich auf der Suche nach einer politischen Neugestaltung mit teilweise kriegerischen Auseinandersetzungen (Schlacht bei der Vögelinsegg 1403, Schlacht am Stoss 1405) gegen die traditionellen Herrschaftsträger – Österreich und den Fürstabt von St. Gallen – auf. Die Appenzeller und Stadtsanktgaller setzten auf einen Zweifrontenkrieg. Während die Appenzeller am Stoss gegen die Feinde kämpften, verwickelten die St. Galler den Herzog von Österreich in der nahen Umgebung ihrer Stadt in Scharmützel. Von den 30 Gefallenen am Hauptlinsberg berichtet ein Eintrag im Jahrzeitenbuch der Kirche St. Laurenzen.

1401
Die Stadt organisiert sich selbst

Die Stadt begann, ihre Verwaltungstätigkeit auszubauen. Auf das frühe 15. Jahrhundert gehen verschiedene serielle Buchreihen zurück, die im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde überliefert sind: Seckelamtsrechnungen des städtischen Finanzchefs, nach Gassen geordnete Steuerbücher, Rechnungen des städtischen Bauamts sowie Listen der Amtspersonen, sogenannte Regimentsbücher.

1376
Schwäbischer Städtebund

Die Stadt St. Gallen betrieb schon früh eine eigene Aussenpolitik. Bereits um 1312 lassen sich erste Bündnisse mit umliegenden Städten nachweisen. Waren es anfänglich vier Partner (St. Gallen, Konstanz, Zürich und Schaffhausen), bestand der Schwäbische Städtebund in den 1380er­-Jahren aus über 30 mehrheitlich deutschen Städten in einem Gebiet von Rothenburg ob der Tauber im Norden bis St. Gallen und Wil im Süden sowie von Kaufbeuren im Osten bis Rottweil im Westen. Der Zweck dieser Städtebünde lag in der gegenseitigen Hilfeleistung bei Konflikten. Sie bildeten ein Netzwerk zur gegenseitigen Hilfeleistung in Konflikten und zur Förderung des wirtschaftlichen Austausches.

1353
Erstes Stadtsatzungsbuch

Ausdruck der zunehmenden Emanzipation der Stadt von der Klosterherrschaft ist die Tatsache, dass die städtische Obrigkeit ab dem 14. Jahrhundert die Gesetzgebung selbständig gestaltete. Die ältesten Ratssatzungen sind undatiert; sie dürften 1312 verfasst worden sein. Sie finden sich in einer Abschrift im ersten Stadtsatzungsbuch (Stadtgesetzbuch), das 1353 verfasst wurde.

1349
Judenverfolgung | Jahr 1349
Judenverfolgung

Um das Jahr 1349 wütete eine Pestepidemie in der Stadt St. Gallen. Der jüdischen Bevölkerung wurde vorgeworfen, sie würden die Brunnen vergiften und so die Krankheit absichtlich herbeiführen. Gewaltsam wurden sie aus der Hinterlauben, wo sie in einem Ghetto lebten, vertrieben und wie in vielen anderen Städten des Reichs hingerichtet. Diese Übergriffe bedeuteten allerdings eine Verletzung königlichen Rechts, da die Juden direkt dem Schutz des Königs unterstanden. Die Stadt St. Gallen bemühte sich um eine rückwirkende Legitimation ihres Handelns. Sie stellte sich wie Konstanz, Zürich und Schaffhausen eine gefälschte Urkunde her.

1312
Stadt wird eigene Rechtsträgerin

Die Stadt wird als eigene Rechtsträgerin aktiv: 1312 erfolgte ein erster Bund mit den Städten Konstanz, Zürich und Schaffhausen, sowie die erstmalige urkundliche Nennung einer eigenen städtischen Behörde, des Rates.

1291 – 1294
Handfeste (erstes „Stadt­recht“) und Siegel | Jahr 1291
Handfeste (erstes „Stadt­recht“) und Siegel

Im Laufe des 13. bis 16. Jahrhunderts gelang der Stadt St. Gallen die Loslösung aus der klösterlichen Herrschaft. Sie konnte sich Rechte und Freiheiten aneignen: Auf 1291 geht eine Urkunde zurück, welche die Anfänge städtischer Gesetzgebung belegt. In der sogenannten Handfeste ist von einem städtischen Hoheitsgebiet innerhalb der vier Kreuze die Rede (rund drei Kilometer von Osten nach Westen und zwei Kilometer von Norden nach Süden). Von der Festigung kommunaler Strukturen zeugt die Existenz eines städtischen Rates (seit 1294) und eines eigenen Beglaubigungsmittels für Vertragsabschlüsse (Siegel mit Bären von 1294). In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden zum ersten Mal ein Bürgermeister und Zünfte erwähnt.

1228
Gründung des städtischen Spitals (Heiliggeist-Spital) | Jahr 1228
Gründung des städtischen Spitals (Heiliggeist-Spital)

Das St. Galler Heiliggeistspital wurde 1228 vom Truchsess Ulrich von Singenberg und vom St. Galler Bürger Ulrich Blarer gegründet. Es enststand im Rahmen der grossen Zahl der Spitalgründungen zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Wie bei anderen kommunalen Spitälern hing auch hier die Entstehung mit den Problemen der Alters- und Krankenfürsorge der im Hochmittelalter wachsenden Städte zusammen. Diese sozialen Aufgaben konnten nicht mehr nur von klösterlichen Spitälern erfüllt werden, sondern bedurften städtischer Einrichtungen. Mit seinem grossen Grundbesitz war das Spital aber nicht nur eine soziale Institution, sondern auch ein bedeutendes Wirtschaftsunternehmen in der noch jungen Stadt.

Zeitgleich erhielten in einer Gemeinschaft lebende, aber in keinen religiösen Orden eingebundene Frauen von zwei Bürgern eine Hofstatt am Irabach geschenkt. Damit wurde die Grundlage für das spätere St. Katharinen-Kloster gelegt.

1215 – 1418
Stadtbrände

Die älteste Bausubstanz in der heutigen Stadt St. Gallen ist nicht älter als 600 Jahre, obwohl die Wurzeln der Stadt mehrere hundert Jahre weiter zurückreichen. Der Grund sind drei grossflächige Feuersbrünste, die die Stadt im Mittelalter zerstörten: Am 2. Mai 1215 brannte die Stadt bis auf wenige Häuser ab, das Kloster blieb aber erhalten. Am 23. Oktober 1314 brannte das Kloster nieder, und in der Stadt blieben nur sechs bis acht Häuser verschont. Der letzte Totalbrand erfolgte am 20. April 1418.

898 – 926
Stiftung der Magnus-Kirche (St. Mangen) und das Martyrium Wiboradas | Jahr 898
Stiftung der Magnus-Kirche (St. Mangen) und das Martyrium Wiboradas

Im Jahr 898 stiftete der Abt Salomon ein Gotteshaus zu Ehren des heiligen Magnus ausserhalb der Stadt auf dem Irahügel. Die St. Mangen-Kirche erlangte durch die Geschichte der heiligen Wiborada Berühmtheit. Der Mythos erzählt die folgende Geschichte: Wiborada, die Tochter eines aargauischen Edelmanns, liess sich um das Jahr 915 in einen Seitenflügel der Kirche einmauern, um zu beten und Busse zu tun. Durch Visionen sah sie den Ungarneinfall von 926 voraus, und dank ihrer Warnungen konnten sich viele Stadtbewohnerinnnen und -bewohner vor dem Überfall retten. Sie selbst erlitt bei der ungarischen Eroberung der Stadt den Märtyrertod. Vor der heutigen Kirche steht ein Brunnen, der ihrem Andenken gewidmet ist.

864
Erste Nieder­lassungen um das Kloster nachgewiesen

Das Kloster als herrschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum wurde schon früh zu einem Anziehungspunkt. Erste schriftliche Hinweise auf eine langsam um die Abtei wachsende weltliche Siedlung finden sich für das 10. Jahrhundert. Zu diesen Zeugnissen gehört, dass nach 950 das Kloster und seine nächste Umgebung mit einer festen Mauer eingefasst wurden. Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der heranwachsen­den Stadt St. Gallen belegen Urkunden von 1170 und 1228, die das Marktrecht beziehungsweise einen Marktplatz bezeugen. Ausdruck der Anfänge einer kommunalen Entwicklung sind die ersten Belege für „cives“ – Bürger der Stadt -, die ebenfalls auf diese Zeit zurückgehen.

837
Bau des karolingischen Münsters durch Abt Gozbert | Jahr 837
Bau des karolingischen Münsters durch Abt Gozbert

Der Grundbesitz und die Ausstrahlung des Klosters erlangten unter Abt Gozbert (816 zum Abt gewählt) einen Höhepunkt. Er zentralisierte die Verwaltung des Klosters. Besonders aber lagen ihm die Bibliothek und die Schreibstuben am Herzen. Er förderte das Skriptorium, wodurch die Bibliothek um 70 (heute noch erhaltene) Kodizes erweitert wurde. Inspiriert vom sogenannten St. Galler Klosterplan, begann er einen Neubau der Kirche, die um das Jahr 835 eingeweiht werden konnte.

719 – 747
Gründung des Gallus­-Klosters  durch Otmar | Jahr 719
Gründung des Gallus­-Klosters durch Otmar

Rund achtzig Jahre nach dem Tod von Gallus gründete Otmar (um 689 –759) an der Stelle der Einsiedelei ein Kloster, das 747 die Benediktinerregel an­nahm. Das Kloster kam im 8. und 9. Jahrhundert durch Güterübertragungen zu einem weit verstreuten Grundbesitz, den es durch Rodung und herrschaftliche Erfassung des Umlands vergrössern konnte. Zum herrschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg kam eine einzigartige kulturelle Entfaltung. Im sogenannten Goldenen Zeitalter des Klosters vom 9. bis 11. Jahr­hundert wurde die Abtei St. Gallen zu einem weit ausstrahlenden kulturellen Mittelpunkt. Aus dieser Blütezeit stammen hervorragende Zeugnisse mittelalterlicher Schreibkultur, die heute den Kernbestand des Stiftsarchivs und der Stiftsbibliothek bilden.

612
Niederlassung von Gallus im Steinachtobel | Jahr 612
Niederlassung von Gallus im Steinachtobel

Gründungsmythos der Stadt St. Gallen: Der Name „St. Gallen“ geht auf den Heiligen Gallus zurück. Gemäss Überlieferung gehörte er einer Mönchsgruppe an, die durch weite Teile Europas pilgerte und um 610 nach Arbon und Bregenz gelangte. Gallus erkrankte und zog sich in die Einsiedelei des noch unerschlossenen Gebiets des späteren St. Gallen zurück. Als er zusammen mit seinem Gefährten Hiltibod rastete und sich zum Gebet zurückzog, soll er gestrauchelt sein und deutete dies als Zeichen Gottes, hier seine Einsiedlerzelle zu errichten. Der folgenden, eben­falls in der Heiligengeschichte überlieferten Begebenheit verdanken Kloster und Stadt St. Gallen ihr Wappentier: Bei der Rast stand Gallus unvermittelt einem Bären gegenüber. Er befahl diesem, Holz zu sammeln und ins Feuer zu legen und danach aus dem Tal zu weichen. Der Bär gehorchte. Diese Geschichte soll die überirdischen Kräfte des Heiligen ausdrücken, der nun sein Missionswerk begann.