Brief: Werbeschreiben für Markt

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Einleitung
Brief: Werbeschreiben für Markt
Stadtarchiv St.Gallen, Tr. XXII, No. 3b.

Werbeschreiben nach St.Gallen für den Markt in Langenargen:
Gewässer wie Bodensee und Rhein werden heute meist als trennend wahrgenommen. Das war im Mittelalter anders: Das Bodenseegebiet bildete bis weit in die Neuzeit hinein eine Region mit vielfältigen Beziehungen über den See hinweg. Die grossen Reichsklöster St.Gallen und Reichenau sowie der Adel schufen mit ihrem Grundbesitz und ihren Herrschaftsrechten dies- und jenseits vom See die Grundlagen dazu.
Im 13., 14. und 15. Jahrhundert nahm die Bedeutung von Adel und Klöstern jedoch ab. An ihre Stelle traten die Städte; eine tragende Rolle mit ihrer Bündnispolitik und mit ihrer Funktion als regionale Märkte und Fernhandelszentren nahmen v.a. Konstanz, St.Gallen, Lindau, Ravensburg und Überlingen ein. Über die Städte wurden auch die Landschaften in einen Tausch über den See miteingebunden, der im Mittelalter begann und bis ins 19. Jahrhundert anhielt.


Transkribiere û (u mit Circumflex) mit Umlaut ü. Beachte die er-Kürzung.


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Resultat
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Die Transkription lautet:
Unser früntlich dienst zu vor ersammen wysen lieben und guten
gönner. Wir haben von unserm aller gnedigosten herren dem
Römischen künig etc. erworben ain gredhus vnd ain jarmarckt
gen Argen vff sant Lienharts tag, järlichs und all wochen
wöchentlich am fritag ain wochen marckt, da man denn korn,
win und allerlay ze kouffen findet, ouch den lüten, so dz ir in
dz gredhus legen, wol versorgen lassen und gut herberg geben
wellen, alz wir dz mit den wirten geschafft haben, darumb
wir üch vormalz ouch geschriben und sölichs ze wissende
getan haben.
Erörterung:
Besonders wichtig für die Ostschweiz war die Einfuhr von schwäbischem Getreide, die sich quellenmässig bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Im Zuge der starken Ausrichtung weiter Teile der Ostschweiz auf die textile Heimarbeit im 17., 18. und 19. Jahrhundert hatte sich eine feste Tauschbeziehung über den See ergeben: Schwaben belieferte die Ostschweiz mit Getreide, und umgekehrt gelangte Geld nach Süddeutschland. Eine Folge davon war die Vernachlässigung des Ackerbaus auf Schweizer Seite und somit die Abhängigkeit in der Versorgung mit dem wichtigsten Grundnahrungsmittel. In Zeiten schlechter Ernten konnte dies zu todbringenden Hungersnöten wie in den Jahren 1771/1772 und 1816/17 führen.

Erklärungen
gredhus = Zollstätte und Lagerhaus
Argen = Langenargen
dz ir = das Ihrige, ihre Ware
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Die Transkription lautet:
Hierumb bitten wir üch gar früntlich, ir
wöllen umb unsern willen uns gonnen und erlouben, sölich
märckt und gredhus in üwer statt offenlich ze rüffen und
ze offnen und den lüten ze verkünden uns dz nit versagen,
sonder tun, alz wir üch wol getrüwen, dz wellen wir mit
willen umb üch beschulden, und wellen ir üns sölichs
gonnen, dz wellen disem ünserm potten ze wissende tun,
damit er sölich märckt und gredhus wisse ze offnen. Ouch
bitten wir üch, mit üwern koufflüten zureden, sölich
märckt zusuchen und dz ir dahin zefüren, wz denn in dz
gredhus dem gredmaister geantwürt wirt, würde dez
ihtz verloren, versprechen wir, dz wider zekeren. Geben am
zinßtag nach sant Gallen tag, anno etc. 50.
Erörterung:
Graf Hugo von Montfort, Herr zu Rotenfels, einer abgegangenen Burg in Immenstadt/Allgäu, bittet Bürgermeister und Rat von St.Gallen, mit einem Boten in St.Gallen für sein Gredhaus (Lager) sowie den Jahr- und Wochenmarkt von Langenargen öffentlich Werbung machen zu dürfen. Weiter bittet er den Rat, die St.Galler Kaufleute zum Besuch der Langenargener Märkte aufzufordern, zudem garantiert er für die Sicherheit der im Gredhaus eingelagerten Waren. Der auf den 20. Oktober 1450 datierte Brief weist auf die Bedeutung oben erwähnter Getreideimporte bereits im Spätmittelalter hin: Besonders erwähnt wird nebst Wein der Verkauf von Korn.

Erklärungen
ze rüffen und ze offnen = ausrufen und ankündigen (werben)
nit versagen = nicht verbieten
beschulden = vergelten, verdienen
pott = Bote
zusuchen = aufzusuchen
geantwürt = zur Aufbewahrung übergeben
ihtz = etwas
wider zekeren = zu ersetzen