Von den Täufern überzeugt: Der St. Galler Scharfrichter Meister Conradt

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Einleitung
Von den Täufern überzeugt: Der St. Galler Scharfrichter Meister Conradt
Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, Ms 78, fol. 140r.

Der Text stammt vom humanistisch gebildeten Weber und Leinwandkaufmann Johannes Rütiner (1501–1556/57), der in einem eigenwilligen Latein St. Galler Stadtklatsch, Anekdoten, Alltagsszenen und Gerüchte in einer Art Tagebuch festhielt. Der Auszug zeigt, dass es auch 1532 in und um St. Gallen noch Täufer gab. Und dies, obwohl die St. Galler Obrigkeit 1525 und 1527 Massnahmen erlassen hatte, um die Täuferbewegung zu verbieten. Johannes Rütiner schildert, wie der Scharfrichter Meister Conradt in einem Privathaus einen Täufer predigen hörte und sich darauf der Täuferbewegung anschloss. Er gab sein Amt auf und verkaufte seinen Besitz. Als Scharfrichter hatte er aufgrund seiner Aufgaben wie Hinrichtungen, Folter, Entsorgen von Tierkadavern etc. eine tiefe soziale Stellung inne und war vom gesellschaftlichen Leben praktisch ausgeschlossen, da sein Beruf als unehrlich galt. Ebendiesen gab er auf. Bemerkenswert ist, dass er selbst für seine Nachfolge sorgte: Die St. Galler Stadtobrigkeit stellte kurz darauf seinen Onkel, Bernhard Anker von Lindau, als neuen St. Galler Scharfrichter an. Wie Rütiner berichtet, hatte Conradt selbst den Onkel hergebeten.
Das Täufertum, dem sich Meister Conradt angeschlossen hatte, war im Zusammenhang mit der frühen Reformation in Zürich in den 1520er-Jahren entstanden. Die Täufer lehnten die Kindertaufe als unbiblisch ab und bekannten sich zur Erwachsenentaufe: Die Taufe dürfe nur erwachsenen Menschen gespendet werden, die sich vor der Taufe bekehren liessen und ihr frei zustimmten. Ihre Gegner nannten sie „Wiedertäufer“, weil sie sich im Erwachsenenalter noch einmal taufen liessen. Die Täufer setzten sich für die Wiederherstellung des „wahren Christentums“ ein. Ihre radikale Kritik richtete sich gegen die Autorität des Staates, lehnten sie doch Eid, Kriegsdienst, staatliche Ordnungen und ein Bündnis von Kirche und weltlicher Obrigkeit ab. Warum Meister Conradt seinen Besitz aufgab, bleibt offen. Entweder, weil in der Täufergemeinde die Güter geteilt wurden, oder in Erwartung des kommenden Weltuntergangs. Die Täufer sahen sich nämlich als Auserwählte und bereiteten sich auf das nahe Weltende vor. Meister Conradt war offenbar sehr überzeugt von seinem neuen Glauben, denn wenig später konnte er – wie Rütiner berichtet – auch seinen Schwager vom Täufertum überzeugen.


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Übung
Von den Täufern überzeugt: Der St. Galler Scharfrichter Meister Conradt
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Resultat
Von den Täufern überzeugt: Der St. Galler Scharfrichter Meister Conradt
Die Transkription lautet:
Dominica ante executor noster M Conradt audi-
ens catabaptistarum unum concionantem in domo
Sebodt Sigers. Continuo officium suum resignavit.
Patruum suum, Bernhard nomine de Lindow, voca-
vit, qui eum puerum decellatus est. Ipse ordinem ass-
umpsit omnia vendens.
Erörterung:
Am Sonntag vorher (23. Juni 1532) hörte unser Scharfrichter [executor noster] Meister Conradt im Hause Sebold Sigers einen Wiedertäufer predigen. Sogleich [Continuo] gab er sein Amt auf. Er rief seinen Onkel mit Namen Bernhard von Lindau [Lindow] her, der ihn als Knaben heimlich gehalten hatte. Er selbst nahm den Orden an (er schloss sich den Täufern an) und verkaufte alles.

Von Zürich aus fasste die täuferische Bewegung bald auch in der Ostschweiz und St. Gallen Fuss, wo sie 1525 grossen Zulauf erhielt. Dies hing damit zusammen, dass aus Zürich ausgewiesene St. Galler Täufer leicht Zugang zur lokalen Bevölkerung fanden. So wirkte etwa Wolfgang Uolimann, Sohn eines St. Galler Ratsherrn und ehemaliger Mönch, im März 1525 in seiner Vaterstadt als engagierter und provokativer Verkünder von Gottes Wort. Der Zürcher Konrad Grebel, Freund und Schwager von Vadian und einer der führenden Köpfe der Täufer, erhielt anlässlich seines zweiwöchigen Aufenthalts in St. Gallen ebenfalls grossen Zulauf. Viele St. Gallerinnen und St. Galler empfingen von ihm am Palmsonntag 1525 an der Sitter die Bekenntnistaufe. Dank dieser Täufermissionare gab es im Frühsommer 1525 in St. Gallen und den angrenzenden Gebieten eine Massenbewegung. Es gibt Hinweise, dass 500 bis 800 Menschen die Bekenntnistaufe empfingen. Zulauf und Erfolg in St. Gallen erklären sich u.a. dadurch, dass im Gegensatz zu Zürich die Täufer noch nicht verfolgt wurden, da sich in St. Gallen zu diesem Zeitpunkt noch keine von der Obrigkeit festgelegte Richtung der Reformation durchgesetzt hatte. Die Massenbewegung begann, für die herrschende politische und gesellschaftliche Ordnung bedrohliche Züge anzunehmen. Zudem befürchtete die Obrigkeit eine Verbindung mit den Bauernunruhen. Am 12. Mai 1525 beschloss der Rat deshalb eine Glaubensdisputation aufgrund schriftlicher Eingaben beider Parteien – der Täufer und der Anhänger einer gemässigteren Reformation. Zwingli unterstützte Letztere, die unter der Führung Vadians standen, mit seiner kämpferischen Schrift "Von dem Touff ...", die er der Stadt St. Gallen widmete. Nach einer zweitägigen turbulenten Glaubensdisputation am 5. und 6. Juni 1525 obsiegten die gemässigten Anhänger der Reformation. Der Rat erlaubte den Täufern zwar weiterhin ihre Bibellesungen in der St. Laurenzenkirche, verbot ihnen aber die Erwachsenentaufe und die Abendmahlfeier. Dadurch wollten die Behörden eine Versöhnung der radikalen Täufer mit der reformatorischen Bewegung ermöglichen. Um eine allfällige Auflehnung der Täufer niederschlagen zu können, hielt der Rat vorsorglicherweise 200 bewaffnete Vertrauensleute in Bereitschaft. Insbesondere ausserhalb der Stadtmauern kam es zu Exzessen und Ausschweifungen. Es entstanden zahlreiche Kleinstsekten, die auch von den Anführern der Täufer entschieden abgelehnt wurden. So legten etwa selbst ernannte Prophetinnen und Propheten Bibelzitate wörtlich aus, andere gaben im Hinblick auf den erwarteten Weltuntergang ihr Hab und Gut her, wiederum andere propagierten die Gütergemeinschaft. Die obrigkeitliche Repression verlief wegen der grossen Anhängerschaft der Täufer in St. Gallen und Umgebung allerdings milde. Mit Ausnahme eines Täufers, der im Februar 1526 seinen Bruder im religiösen Wahn köpfte und der deswegen hingerichtet wurde, wurde keine Todesstrafe verhängt. Im August 1527 erliessen die Städte Zürich, Bern und St. Gallen ein gemeinsames Mandat gegen die Täufer. Die Täuferbewegung klang mit dem Fortschreiten der Reformation in und ausserhalb der Stadt ab. Wie die von Rütiner berichtete Geschichte von Meister Conradt jedoch zeigt, waren die Täufer auch 1532 noch nicht verschwunden. Es macht vielmehr den Anschein, dass sie im Verborgenen weiterhin aktiv blieben.