Highlights aus der Sammlung

Wir laden Sie ein, prominente Handschriften und Drucke aus der Vadianischen Sammlung selbst zu erforschen. Lesen Sie die Infotexte, betrachten Sie die Dokumente und zoomen Sie in sie hinein, um einen detaillierten Blick zu erhalten.

Mehr Informationen zur Sammlung und zu mittelalterlicher Handschriften finden Sie hier: Mehr über die Vadianische Sammlung erfahren…

Prachthandschrift mit Goldminiaturen – Weltchronik und Karlsvita

Prachthandschrift mit Goldminiaturen – Weltchronik und Karlsvita
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Linke Seite: VadSlg Ms 302, fol 120v

Rechte Seite: VadSlg Ms 302, fol II, 52v

Blättert man in diesem Kodex, was Dank des Digitalfaksimiles konservatorisch bedenkenlos ist, so nehmen einem augenblicklich die farbenfrohen Deckfarbenminiaturen auf hochglanzpoliertem Goldgrund gefangen. Ausdrucksstark und zugleich eigenartig fremd wirken die Figuren mit ihren ausgestellten Hüften, den geneigten Köpfen im Dreiviertelprofil und ihrer übertriebenen Gestik. Das ornamentale Wechselspiel zwischen Einzelfiguren und Personengruppen erhöht die Dynamik der zweizonigen Darstellung. Und dies ist zweifelsohne die Absicht der gotischen Buchillustratoren, die zu Meistern ihres Fachs gehörten. Die Bilder sind keine blosse Beigabe des Textes, sondern integraler Bestandteil der Geschichte. Bilder werden in der mittelalterlichen Kunst zu Sinnträgern, entsprechend dem Diktum Papst Gregor des Grossen: „Was die Schrift für die bedeutet, die lesen können, das leistet das Bild für die, die es nicht können“.

Doch was für eine Geschichte beinhaltet dieser knapp dreihundertseitige, auf feinstem Pergament in hochwertiger Kalligraphie geschriebene Kodex? Wer war der Auftraggeber? Wer fertigte ihn an? In der Handschrift, die etwa um 1300 entstanden ist, sind zwei beliebte Versdichtungen zusammengefasst, die unabhängig voneinander ein halbes Jahrhundert zuvor geschrieben worden waren. Zum einen handelt es sich um die Weltchronik des Rudolf von Ems, zum anderen um ein Heldenepos über Karl den Grossen, dessen Autor unter dem Namen „der Stricker“ bekannt ist.

Rudolf von Ems, ein Vertreter des niederen Adels aus dem vorarlbergischen Hohenems, stieg mit fünf grossen Epen zum staufischen Hofdichter auf. Sein bedeutendstes und reifstes Werk ist die Weltchronik, die in mehr als hundert Abschriften, davon dreissig Prachtshandschriften, als ein Lieblingsbuch des Mittelalters bezeichnet werden kann. Leider blieb das Werk unvollendet, da Rudolf, seinen Auftraggeber und Dienstherrn König Konrad VI. von Hohenstaufen begleitend, mit ihm zusammen 1254 in Italien umkam. Rudolf plante, die Universalgeschichte der Menschheit, beginnend mit der Erschaffung der Welt, bis zu seiner Gegenwart in einem gewaltigen Epos einzufangen, eingeteilt in sechs Weltzeitalter, der biblischen Schöpfungsgeschichte entsprechend. Dabei werden die sakrale und die profane Geschichte aufeinander abgestimmt und als Heilsgeschichte dargestellt. Als Beispiel sei die oben abgebildete Darstellung der Geschichte von Simson und dem Löwen aus Richter, Kapitel 14, erwähnt. Simson, hier mit wehendem blondem Haar dargestellt, hat sich in die Tochter eines Philisters aus Timna verliebt und reist zusammen mit seinen Eltern zur Brautwerbung in die Stadt. Auf dem Weg dorthin begegnen sie einem Löwen. „Da durchdrang ihn der Geist des Herrn, und er riss ihn auseinander, wie man ein Zicklein auseinander reisst“ (Ri 14, 6). Einige Zeit später, auf dem Rückweg, kehrt Simson zum Löwenkadaver zurück, in dem mittlerweile Bienen nisten. Den Honig aus dem Maul des Löwen gibt er daraufhin seinen Eltern zu kosten. Die Geschichte erreicht ihren Höhepunkt im Sinnspruch „Was ist süsser als Honig? Und was ist stärker als ein Löwe?“ (Richter 14, 18) womit auf die Liebe angespielt wird.

Da Rudolfs Chronik tief im Alten Testament bei König Salomon endet und damit Stückwerk blieb, ergänzte man den Text mit der Karlsvita, um damit wenigstens einen Teil der Gegenwart einzufangen. Vom Autor, der sich selbst der Stricker nannte, was allenfalls eine Anlehnung ans „Verse stricken“ sein sollte, ist wenig bekannt. Es handelt sich wohl um einen fränkischen Berufsdichter von einfacher Herkunft, der sich in Österreich und im Bodenseegebiet aufgehalten hatte. Selbst die Datierung des Textes ist umstritten und wird grob zwischen 1215 und 1233 eingegrenzt. Im Mittelpunkt der Dichtung, die den Kreuzzug Karls des Grossen gegen die Sarazenen in Spanien zum Gegenstand hat, steht die Heldengestalt Roland, des christlichen Streiters, der für Glauben und in der Treue zu seinem Herrn den Tod erleidet. Geschichte und Heilsgeschichte durchdringen sich, ähnlich wie bei der Weltchronik. So greifen mehrfach Engelsboten in das Geschehen ein. Sie spenden Mut und Trost, vor allem aber halten sie in Karl und Roland die Kreuzzugsidee wach, stärken ihre und ihrer Streitkräfte Kampfbereitschaft gegen die Heiden durch die Verheissung göttlichen Lohnes. Die Handlungsträger agieren damit auf zwei Ebenen, einer historischen und einer typologischen. Dabei ergänzen sich Text und Ikonographie in der Parallelgestalt von Karl und Roland als oberster Richter im Reich und als Miles Dei, als Soldat Gottes, wobei in der Doppelgestalt auch die Figur von Christi mitgedacht werden muss. Die Miniatur zeigt, wie Roland als Führer der fränkischen Nachhut beim baskischen Dorf Roncesvalles tödlich verletzt, Schwert Durandal vergeblich an einem Felsen zu zerschmettern versucht. Zu seinen Füssen liegt das magische Horn Olifant, mit dem er Karl und den Haupttross des Heeres vor der drohenden Gefahr eines gegnerischen Überfalls gewarnt hat. Sterbend legt sich Roland unter einen Baum, Durandal fest umklammernd und seinen Handschuh einem Engel übergebend. Die Folgeszene zeigt den knienden Karl, der seinen toten Freund zusammen mit Höflingen beweint und ihm sein Schwert abnimmt. Auch hier wird ikonographisch mit der Christusanalogie gespielt, indem der Trauerakt nach der Beweinung Christi gestaltet ist. Schliesslich wird Karl durch den Erzengel Michael getröstet, der ihm den endgültigen Sieg über die Heiden prophezeit. Was wie eine Geschichte aus vergangener Zeit erscheint, war anfangs des 14. Jahrhunderts Tagesaktualität. Denn 1291 war mit dem Fall von Akkon die letzte Bastion des christlichen Königreichs Jerusalem an die moslemischen Mamluken gefallen.

Unklar ist, wer der Auftraggeber dieser prachtvollen Handschrift war, die bezüglich Materialaufwand und Ausgestaltung zur damaligen Zeit ein absolutes Luxusprodukt darstellte. Allein für das Pergament brauchte man die Häute einer ganzen Schafherde. Rechnet man noch Tinte, Farbe und Blattgold hinzu, verschlang die Produktion Unsummen. Dies konnten sich nur reiche und hochgestellte Persönlichkeiten leisten. Dazu gehörten etwa Heinrich von Klingenberg, Bischof von Konstanz, und die Zürcher Patrizier Ritter von Manesse. Letztere liessen einige Jahre später den stilistisch ähnlichen Kodex Manesse herstellen. Zum Material kam die Anstellung und Besoldung eines ganzen Skriptoriums, einer Gemeinschaft von Kalligraphen und Miniaturenmaler, denn nur eine professionelle Werkstatt konnte diesen Grad an Kunstfertigkeit erreichen. Sowohl bei der Malerei, als auch bei der Schrift können je vier unterschiedliche Lohnarbeiter unterschieden werden. Bei einem Schreiber kennt man aus einer anderen Handschrift den Namen, da er sein Werk nach der Vollendung signierte. Es handelt sich um den Kaplan Konrad von St. Gallen, der um 1300 Chorherr am Zürcher Fraumünster war. Warum er nicht auch die Weltchronik signierte, ist unbekannt.

Zusammenfassend lässt sich die Handschrift 302 folgendermassen charakterisieren: Ein Glanzstück der Vadianischen Sammlung, welches höfische Dichtung, geschrieben von kirchlichen Lohnschreibern für das städtische Patriziat beinhaltet. Oder wie Mitte des 18. Jahrhunderts der Pfarrer und Registrator der St. Galler Stadtbibliothek, Anton Merz, in krakeliger Schrift auf die erste Pergamentseite des Kodex schrieb „Biblische Historie in Versen mit Kupfer u Mahlerey geziert“. Das Katalogisat findet sich unter: http://www.handschriftencensus.de/9522

Weiterführende Literatur und Links:

  • Digitalfaksimile auf E-Codices
  • Katalogisat im Handschriftencensus
  • Rudolf von Ems. Weltchronik, der Stricker. Karl der Grosse, Kommentar zu Ms 302 Vad., hrsg. von der Kantonsbibliothek (Vadiana) St. Gallen und der Editionskommission: Ellen J. Beer … , Luzern 1982.

Geschichte auf über 6 Metern Länge – Die «Compilatio Nova» von Johannes von Udine aus dem 14. Jahrhundert

Geschichte auf über 6 Metern Länge – Die «Compilatio Nova» von Johannes von Udine aus dem 14. Jahrhundert
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VadSlg Ms 1000

Aussergewöhnlich in Form und Inhalt ist dieser italienische Rotulus aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in lateinischer Sprache. Zwar wurden Schriftrollen im Laufe des Mittelalters zunehmend durch Kodex-Handschriften verdrängt, blieben aber bei liturgischen, historischen-genealogischen Texten und bei Verwaltungsschriftgut wie den Grundherrschaftsrödeln weiterhin in Gebrauch. Der Vorteil des Rollenformats ist, dass beliebig viele Pergamentstücke aneinandergefügt werden können. Beim abgebildeten Rotulus sind es elf Ziegenhäute, wobei das Kopfpergament absichtlich unbeschnitten ist und dadurch kreuzförmig ausläuft. Der Nachteil dieses Formats liegt aber ebenso auf der Hand. Schnelles Hin- und Herspringen im Text ist nur möglich, wenn die Rolle vollständig geöffnet wird, was bei 6,5 Metern Länge viel Platz in Anspruch nimmt. Ansonsten muss man den Text fliessbandartig lesen, indem mit der rechten Hand der zu lesende Text abgerollt, während mit der linken Hand der bereits gelesene Text aufgerollt wird. Das Material wird dadurch entsprechend stark beansprucht, weswegen der konservatorische Zustand solcher Rotuli häufig schlecht ist. Auch bei VadSlg Ms 1000 sind Farbabplatzungen bei den Gold- und Silbergrundierungen, Wasserflecken, Haarrisse und verbleichte Schriftstellen feststellbar. Dies deutet nicht nur darauf hin, dass die Rolle häufig benutzt wurde, sondern auch, dass sie längere Zeit in geöffnetem Zustand dem Licht ausgesetzt war.

Verfasser ist Johannes de Utino († 1363), ein Franziskanermönch, Magister der Theologie und Inquisitor in Aquileia, der aus Mortegliano in der Provinz Udine stammte. Er hat diesen Rotulus eigenhändig geschrieben und illuminiert, wie er nicht ohne Stolz im Widmungstext hervorhebt. Dabei bediente er sich der in Italien gebräuchlichen Buchschrift Rotunda. Diese zeichnet sich durch die runden Formen und den breiten Charakter des Schriftbildes aus, ganz im Gegensatz zur gebrochenen und schmalen Textura, die zur selben Zeit nördlich der Alpen üblich war. Der Text wird durch rot-blaue Initialen und daran angefügte Trennlinien strukturiert. Von den acht bisher bekannten Rotuli, welche zwischen 1344 und 1363 entstanden sind, stammen sieben aus seiner Hand. Er kopierte aber nicht einfach, sondern ergänzte einzelne Textstellen und Illuminationen bei jeder Handschrift von Neuem.

Inhaltlich handelt es sich um eine „Compilatio nova super tota biblia“, später im Text ergänzt durch „ystoriarum“, wie es in der rot abgesetzten Kopfzeile heisst. In Form eines Stammbaums bietet der Text eine Zusammenfassung der Weltgeschichte, begonnen bei der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Die Zeitalter werden durch Sternmedaillons entlang der Textmitte mit den biblischen Namen hervorgehoben (Adam und Eva, Noah, Abraham, David, Zedekia, Christi Geburt, Wirken und Auferstehung). Um diesen Stamm herum mäandrieren Namenskreise mit biblischen und historischen Persönlichkeiten, die mit farbigen Verbindungslinien zueinander in Beziehung gesetzt werden. Ergänzt wird dieses Gerüst durch Miniaturen, welche das entsprechende Zeitalter repräsentieren. Die Sintflut wird durch die Arche Noah und eine Himmelsspährenkarte, die antiken Hochkulturen werden durch stilisierte Stadtansichten von Ninive, Jerusalem und Babylon dargestellt. Besonders auffällig sind die Miniaturen, welche Moses’ Auszug aus Ägypten gemäss der Beschreibung in Exodus, 25 und 27, symbolisieren. Der Tempel listet die vierzig Stationen in der Wüste auf, darüber thront eine Menora, ein siebenarmiger Leuchter, der dann nahtlos in den Brandopferaltar, den Schaubrottisch und die Bundeslade übergeht. Dazwischen sind die Tafeln mit den zehn Geboten dargestellt. Durch diese schematische Visualisierung der Weltgeschichte kann man sich, wie auf einer Landkarte, rasch orientieren. Die Texte um diese „Wegmarken“ herum dienen der Erläuterung. Sie beinhalten Zusammenfassungen von Bibelstellen, Beschreibungen von Einzelereignissen, Tabellen von Päpsten, Kaisern und Königen sowie Kommentare von Kirchenautoritäten.

Die Bearbeitung der Weltgeschichte auf biblischen Grundlagen wie in diesem Rotulus, hat im Christentum eine lange Tradition. Insbesondere die Verbindung von Theologie und Geschichte, welche die frühe Kirche von der Masse der religiösen und politischen Konkurrenz unterschied, schärfte das eigene Profil. In der eigenen Selbsteinschätzung und -inszenierung war man die historische Religion schlechthin, vollzog sich doch der Weg zum Heil in Raum und Zeit. Und auch die Erlösung spielte sich nicht zeitentbunden in transzendenten oder mythologischen Räumen ab, sondern in der realen Geschichte. Mit der Menschwerdung Christi im Zeitalter des Augustus war sie ausserdem exakt datierbar. Durch die Verbindung des neutestamentarischen Geschichtsverständnisses mit der alttestamentarischen Überlieferung wurde eine bruchlose Kontinuität zwischen der Schöpfungsgeschichte, der jüdischen Tradition und der frohen Botschaft des Christentums geschaffen. Gleichzeitig grenzte man sich aber auch selbstbewusst von der jüdischen Mutterreligion ab, indem man sie zur Vorstufe und Vorbereitung der eigenen Religionsauffassung machte. Dasselbe galt auch für die antiken Hochkulturen, von denen die Bibel, aber auch die hellenistische und römische Geschichtsschreibung berichtete. Assyrer, Griechen und Ägypter waren dem Christentum schon aufgrund des geringeren Alters unterlegen, denn Moses ist schliesslich älter als Homer. Die Beweisführung erfolgte durch die Synchronisation der Herrscherlisten aus der antiken Geschichtsschreibung mit den Angaben aus der Bibel. Das Ergebnis war eine tabellarische Übersicht über die Menschheitsgeschichte, welche die Gleichzeitigkeit historischer Persönlichkeiten und Ereignisse mit der theologischen Absicht verband, das ehrwürdige Alter der biblischen Geschichte jedermann unmittelbar vor Augen zu führen. Dies gelang dem Franziskaner Johannes de Utino mit seiner Kompilation in exemplarischer Weise.

Gleichzeitig mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erreichte die manufakturmässige Handschriftenherstellung und deren Handel im deutschsprachigen Raum ihren Höhepunkt. Ein eigentlicher „Markenartikel“ waren die verhältnismässig günstigen, seriell produzierten Papierhandschriften aus der Werkstatt des Diebold Lauber (vor 1427 – nach 1471) aus dem elsässischen Hagenau. Er belieferte seine Kundschaft mit Papierhandschriften, die „grosz oder clein geistlich oder weltlich húbsch gemolt“ sind, wie er in seinen Verkaufsanzeige hervorhob. Im Gegensatz zu den illuminierten Prachthandschriften der Vergangenheit waren diese Bücher sowohl in der Bilddarstellung, als auch in der Textwiedergabe mehrheitlich grob und flüchtig angelegt. Entscheidend war die Veranschaulichung des Textes in Illustrationen, die Handlungen und Bewegungen erfassten. Auf Feinheiten der Bildkomposition, räumliche Tiefenwirkung, Buchschmuck oder auf hochstehende Kalligraphie wurde bewusst verzichtet. Wichtiger war es, die Konkurrenz in Bezug auf Preis und Verfügbarkeit auszustechen. Dies gelang einerseits mit einem effizienten Manufakturbetrieb der Werkstatt Lauber, die Bücher nicht nur auf Bestellung, sondern auch auf Vorrat herstellte. Dafür vergab Lauber Aufträge an Lohnschreiber und unterhielt einen festen Stab von über einem Dutzend Illustratoren. Andererseits vertrieb er seine Handschriften erfolgreich auf zahlreichen Märkten und bediente damit seine überregionale Kundschaft aus Adel und städtischem Patriziat mit populären Ritterepen und mit Erbauungsliteratur.

Ein Verkaufsschlager in Laubers reichhaltigem Sortiment waren Historienbibeln in elsässischem Dialekt. Diese basierten auf den biblischen Geschichten, gingen aber zur Steigerung der Dramaturgie und Anschaulichkeit teilweise recht freizügig mit dem Stoff um. So wurden Übergänge eingefügt, um lose Textstellen in einen Handlungsablauf zu bringen oder Ereignisse mit dem Mittel von Vor- und Rückgriffen umschrieben. Dies ist auch bei der grossformatigen, zweibändigen Historienbibel der Vadianischen Sammlung der Fall (www.e-codices.unifr.ch/de/vad/0343c/ und www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0343d). Der erste Band enthält biblische Geschichten aus dem Alten Testament in Kurzfassung, der zweite Band solche aus dem Neuen Testament auf der Basis des Marienlebens des Kartäusermönchs Philipp von Seitz. Die mit Akanthusblättern und Spiralranken reich verzierte Wappenseite (fol 6v) weist dieses Exemplar als Besitz des Konstanzer Ehepaars Heinrich Ehinger (1438-1479) und Margaretha von Cappel (1440-1491) aus. Sie hatten 1455 geheiratet. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Papier, welches sich aufgrund des Wasserzeichens in Form eines Ochsenkopfs auf 1442-1455 datieren lässt. Handelt es sich bei der Historienbibel allenfalls um ein Hochzeitsgabe? Möglich wäre es.

Die Historienbibel ist in einer Bastarda oder Buchkursive geschrieben. Diese im 16. Jahrhundert weit verbreitete Schrift verband die Vorzüge der eleganten, gotischen Buchschrift mit der zügig fortlaufenden, effizienten Schreibweise der Kursive. Die Kapitelzählungen und Überschriften sind mit roter Farbe abgesetzt, die Initialen mit roten und blauen Lombarden ausgezeichnet. Sind die Schreiber unbekannt, so kennt man dank der oben abgebildeten, lavierten Federzeichnung „wie Josue Jericho gewann die gůte statt“ (106r) den Namen des Illustrators. Denn ein gewisser Hans Ott hat sich mit seiner Unterschrift auf der Stadtmauer verewigt. Dieser Künstler zeichnet sich durch eine klare Strichführung und seine kompakt wirkenden, gedrungen Figuren aus. Zudem hat er eine Vorliebe für kleinteiliges und dekoratives Füllwerk, wie dies bei der Darstellung von Bäumen, Pflanzen und Blüten und deren Platzierung auf einem sorgfältig durch Grasbüschel markiertem Terrain sichtbar ist.

Diese Bilder scheinen den St. Galler, Georg Leonhard Hartmann (1784-1828) nicht besonders beeindruckt zu haben, beschrieb er die Bücher um 1800 in seinem „Lokal-Verzeichnis von den Handschriftlichen Werken auf der Vadianischen Bibliothek“ doch als „biblische Historien (…) mit abscheulich gemalten Figuren“ (VadSlg S 46b, fol 3). Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Weiterführende Literatur und Links:

Mit schnellem Strich gemalt – Historienbibel aus der Werkstatt von Diepold Lauber, um 1450

Mit schnellem Strich gemalt – Historienbibel aus der Werkstatt von Diepold Lauber, um 1450
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Linke Seite: VadSlg Ms 343 c, fol 6v

Rechte Seite: VadSlg Ms 343 c, fol 106r

Gleichzeitig mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erreichte die manufakturmässige Handschriftenherstellung und deren Handel im deutschsprachigen Raum ihren Höhepunkt. Ein eigentlicher «Markenartikel» waren die verhältnismässig günstigen, seriell produzierten Papierhandschriften aus der Werkstatt des Diebold Lauber (vor 1427 – nach 1471) aus dem elsässischen Hagenau. Er belieferte seine Kundschaft mit Papierhandschriften, die «grosz oder clein geistlich oder weltlich húbsch gemolt» sind, wie er in seinen Verkaufsanzeige hervorhob. Im Gegensatz zu den illuminierten Prachthandschriften der Vergangenheit waren diese Bücher sowohl in der Bilddarstellung, als auch in der Textwiedergabe mehrheitlich grob und flüchtig angelegt. Entscheidend war die Veranschaulichung des Textes in Illustrationen, die Handlungen und Bewegungen erfassten. Auf Feinheiten der Bildkomposition, räumliche Tiefenwirkung, Buchschmuck oder auf hochstehende Kalligraphie wurde bewusst verzichtet. Wichtiger war es, die Konkurrenz in Bezug auf Preis und Verfügbarkeit auszustechen. Dies gelang einerseits mit einem effizienten Manufakturbetrieb der Werkstatt Lauber, die Bücher nicht nur auf Bestellung, sondern auch auf Vorrat herstellte. Dafür vergab Lauber Aufträge an Lohnschreiber und unterhielt einen festen Stab von über einem Dutzend Illustratoren. Andererseits vertrieb er seine Handschriften erfolgreich auf zahlreichen Märkten und bediente damit seine überregionale Kundschaft aus Adel und städtischem Patriziat mit populären Ritterepen und mit Erbauungsliteratur.

Ein Verkaufsschlager in Laubers reichhaltigem Sortiment waren Historienbibeln in elsässischem Dialekt. Diese basierten auf den biblischen Geschichten, gingen aber zur Steigerung der Dramaturgie und Anschaulichkeit teilweise recht freizügig mit dem Stoff um. So wurden Übergänge eingefügt, um lose Textstellen in einen Handlungsablauf zu bringen oder Ereignisse mit dem Mittel von Vor- und Rückgriffen umschrieben. Dies ist auch bei der grossformatigen, zweibändigen Historienbibel der Vadianischen Sammlung der Fall (www.e-codices.unifr.ch/de/vad/0343c/ und www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0343d). Der erste Band enthält biblische Geschichten aus dem Alten Testament in Kurzfassung, der zweite Band solche aus dem Neuen Testament auf der Basis des Marienlebens des Kartäusermönchs Philipp von Seitz. Die mit Akanthusblättern und Spiralranken reich verzierte Wappenseite (fol 6v) weist dieses Exemplar als Besitz des Konstanzer Ehepaars Heinrich Ehinger (1438-1479) und Margaretha von Cappel (1440-1491) aus. Sie hatten 1455 geheiratet. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Papier, welches sich aufgrund des Wasserzeichens in Form eines Ochsenkopfs auf 1442-1455 datieren lässt. Handelt es sich bei der Historienbibel allenfalls um ein Hochzeitsgabe? Möglich wäre es.

Die Historienbibel ist in einer Bastarda oder Buchkursive geschrieben. Diese im 16. Jahrhundert weit verbreitete Schrift verband die Vorzüge der eleganten, gotischen Buchschrift mit der zügig fortlaufenden, effizienten Schreibweise der Kursive. Die Kapitelzählungen und Überschriften sind mit roter Farbe abgesetzt, die Initialen mit roten und blauen Lombarden ausgezeichnet. Sind die Schreiber unbekannt, so kennt man dank der oben abgebildeten, lavierten Federzeichnung «wie Josue Jericho gewann die gůte statt» (106r) den Namen des Illustrators. Denn ein gewisser Hans Ott hat sich mit seiner Unterschrift auf der Stadtmauer verewigt. Dieser Künstler zeichnet sich durch eine klare Strichführung und seine kompakt wirkenden, gedrungen Figuren aus. Zudem hat er eine Vorliebe für kleinteiliges und dekoratives Füllwerk, wie dies bei der Darstellung von Bäumen, Pflanzen und Blüten und deren Platzierung auf einem sorgfältig durch Grasbüschel markiertem Terrain sichtbar ist.

Diese Bilder scheinen den St. Galler, Georg Leonhard Hartmann (1784-1828) nicht besonders beeindruckt zu haben, beschrieb er die Bücher um 1800 in seinem «Lokal-Verzeichnis von den Handschriftlichen Werken auf der Vadianischen Bibliothek» doch als «biblische Historien (…) mit abscheulich gemalten Figuren» (VadSlg S 46b, fol 3). Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

 

Weiterführende Literatur und Links:

Temperamentvolle Streitschrift gegen das Kloster – Die grössere Chronik der Äbte von Joachim von Watt, 1529-1532

Temperamentvolle Streitschrift gegen das Kloster – Die grössere Chronik der Äbte von Joachim von Watt, 1529-1532
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VadSlg Ms 43, fol 396v

Mitte November 1531 wird Joachim von Watt (1483/4-1551), Vadian genannt, mehr tot als lebendig von den Friedensverhandlungen in Bremgarten zurück nach St. Gallen gebracht. Der psychische und physische Zusammenbruch des gelehrten St. Galler Bürgermeisters war eine Reaktion auf die letzten zwei turbulenten Jahre zwischen der Übernahme des Klosters durch die Stadt und der Niederlage der Reformierten in der zweiten Schlacht bei Kappel. Was als hoffnungsvoller Aufbruch begann, endete im militärischen und politischen Desaster. Das Abenteuer der städtischen Emanzipation vom Kloster hatte „fünfzechentusend Guldin“ gekostet, wie Vadian in seinem Notizbuch minutiös zusammenrechnet. Seine Verbitterung über die erlittene Enttäuschung und die fehlgeschlagene Hoffnung war verständlich, schliesslich war er mit seiner Politik vorläufig gescheitert. Gleichzeitig verschwand damit aber auch ein „Chronikbůch ettlicher Äbten zů S. Gallen“ (fol 505v), erst später als „Grössere Chronik der Äbte“ betitelt, in der Schreibtischschublade. Denn an die Veröffentlichung dieser Geschichte des Klosters und der Stadt St. Gallen zwischen 1191 bis 1491 war aus politischen Überlegungen nicht mehr zu denken. Zu sehr hatte sich die Situation verändert.

Begonnen hatte Vadian diese auf Deutsch verfasste Chronik nach dem sogenannten Klostersturm 1529, als er Zugriff auf das fürstäbtische Archiv und die Bibliothek erlangte. Sein leitendes Erkenntnisinteresse galt dabei nicht ausschliesslich den historischen Tatsachen, sondern der Rechtfertigung. Er wollte mit der Chronik die Entwicklung St. Gallens von der abhängigen Klosterstadt in eine unabhängige und selbstbewusste, durch den Leinwandhandel zu Reichtum gekommenen, Reichsstadt aufzeigen. Die Beschreibung der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Stadt und Kloster wuchs sich beim Reformator Vadian unweigerlich zu einer Infragestellung des Mönchtums und letztlich der katholischen Kirche aus. Der Text ist häufig polemisch, manchmal bissig oder spöttisch. Insbesondere wird detailliert beschrieben, wie das anfänglich gute Mönchtum, welches sich dem Gottesdienst, der Handarbeit und der Erziehung gewidmet hatte, durch Macht und Reichtum korrumpiert wurde. Geordnet nach der Abfolge der Äbte, wird die Geschichte als Aneinanderreihung von Auswüchsen und Entartungen der kirchlichen Würdenträger und Institutionen geschildert. Insbesondere der letzte, in der Chronik behandelte Fürstabt Ulrich Rösch (1426-1491), wird als eigentliche Wolfsnatur dargestellt, der „wie ainer der die Wassersucht hat, ie mer er trinkt ie durstiger er wirdt, also war der Abt ie lenger(?) ie begirlicher“ (fol 500r). Zu dieser Beschreibung passt auch das oben abgebildete, nachträgliche gezeichnete Brustbild des Abts mit Bischofsstab, Mitra und Schwert. Die Federzeichnung zeigt, wie sich kirchlicher und weltlicher Herrschaftsanspruch in der Person Ulrich Röschs in unziemlicher Weise vereinen.

Letztlich blieb die Chronik Stückwerk, wenn auch ein äusserst spannendes, griffig formuliertes. Der Wechsel von Tinte und Schreibstil, häufige Streichungen und Seitenkommentare zeugen von einer eiligen Niederschrift. Ausserdem wird im Text immer wieder Bezug genommen auf ein viel grösser angelegtes Werk, das von den Anfängen des Klosters bis in die Gegenwart reichen sollte. Hinzu kommen seitenlange Exkurse zur Geschichte, Politik, Recht, Wirtschaft, Theologie, Geographie und Medizin, die dem Leser einiges abfordern. Was als literarisches Denkmal und Krönung der städtischen Befreiung aus der Klosterherrschaft begonnen worden war, blieb ein unfertiges Konvolut loser Blätter, welches Vadian 1546 seinem Freund Johannes Kessler „zů brauchen nach seinem Gefallen, doch zů frommen Nutz und Eere der frommen Statt zů S. Gallen“ (fol 550v) übergab.

Weiterführende Literatur und Links:

  • Digitalfaksimile bei E-Codices
  • Beschreibung im Verbundkatalog HAN
  • Joachim von Watt (Vadian). Die grössere Chronik der Äbte: Abtei und Stadt St. Gallen im Hoch- und Spätmittelalter (1199-1491) aus reformatorischer Sicht, bearbeitet von Bernhard Stettler, Zürich 2010.
  • Mehr Informationen finden Sie auch unter Reformation findet Stadt

St. Galler Reformationschronik – Die Sabbata von Johannes Kessler, 1527–1544/5

St. Galler Reformationschronik – Die Sabbata von Johannes Kessler, 1527–1544/5
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VadSlg Ms 72, fol III

Die Reformation beurteilte Johannes Kessler (1502/3-1574) als markante Zäsur in seinem Leben: „Dann wer kain sich gnůg ab dieser Zit verwunderen, ainer so groβen Verenderung hoher Ständen und Wesens“ (fol 11r). Sie hatte ihn dazu gebracht, nach einigen Semestern Theologie nicht die Priesterlaufbahn anzustreben, sondern seinen Lebensunterhalt lieber als Sattler und später als Leiter der städtischen Lateinschule zu verdienen. Dieses Gefühl, Zeuge von aussergewöhnlichen Ereignissen zu sein, hatten viele seiner Zeitgenossen. Mit Hilfe persönlicher Aufzeichnungen, sei es als reflektierende Rechenschaftsberichte oder als Zeugnis für die Nachwelt, versuchten einige den Umständen habhaft zu werden. Nicht weniger als sieben chronikale Aufzeichnungen entstanden zu dieser Zeit in St. Gallen, so viele, wie nie zuvor. Die Sabbata von Johannes Kessler ist mit ihren 1’200 Seiten im Folioformat aber sicherlich das umfangreichste Geschichtswerk. Der Name „Sabbata“ ist darauf zurückzuführen, dass Kessler die Einträge jeweils in seinen „Fyrabendstunden (…) zů Nacht schlaf“ (fol 12v) verfasste. Als Gegenwartschronik angelegt, verarbeitete er mit dem humanistischen Hang zur Quellenforschung neben Flugschriften, offiziellen Dokumenten und Berichte auch Briefe, welche an seinen Freund Vadian (1483/4-1551) adressiert waren. Auch eigene Beobachtungen und mündliche Berichte von Gewährsleuten flossen in seine Arbeit ein. Aufgeschreckt durch den Bauernkrieg und die Täuferbewegung, begann Kessler um 1527 mit seiner Chronik, an der er rund fünfzehn Jahre arbeiten sollte. Dabei achtete er auf sorgfältige und verständliche Formulierungen, argumentierte häufig theologisch mit Bibelzitaten oder Gleichnissen und liess seine Berichte immer wieder in predigtartige Ermahnungen auslaufen. Anhand der verschiedenen Wasserzeichen auf dem Papier lassen sich die Etappen der Bearbeitung ermitteln. Die repräsentative Reinschrift dürfte um 1544/45 entstanden sein. Sie ist in einheitlicher Buchkursive geschrieben, ausgestattet mit kolorierten Holzschnitten und Randnotizen, die Hinweise auf den Inhalt geben sollen und gleichzeitig für den Registereintrag am Buchende dienen.

Ursprünglich schrieb Kessler kurze, in sich geschlossene gegenwartsbezogene Erzählungen, die er erst im Nachhinein in drei Bücher unterteilte. Ganz der heilsgeschichtlichen Tradition von Chroniken verpflichtet, gibt er einen Überblick über die biblische Geschichte von der Schöpfung bis zum Erscheinen von Jesus Christus. Dann berichtet er, wie der „neue Glaube“ des Papsttums das unverfälschte, ursprüngliche Christentum verfälscht habe. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Kirche und deren Institutionen, schliesslich ist er ganz der evangelischen Sache verpflichtet. Erst die Reformation, die er im zweiten Buch beschreibt, führt wieder zur reinen Wahrheit und Erkenntnis Gottes. Versinnbildlicht wird dies mit Platons Höhlengleichnis. Dank der „rainen, luteren Erkantnus Jesu Christi“ steigen die aus der Schattenwelt der Höhle befreiten Gefangenen ans Licht. Diejenigen aber, die auf die „überflüβigen Ceremonien und Menschensatzungen“ vertrauten, blieben in der Dunkelheit (fol 4r). Neben den philosophischen Ausführungen beschreibt er auch die politischen Ereignisse im Reich und die handelnden Persönlichkeiten. In Kaiser Karl V. erblickt Kessler einen Hoffnungsträger, Luther kennt er persönlich aus der Zeit seines Studiums in Wittenberg, aber auch Zwingli und seine Rolle in den Zürcher Disputationen beschreibt er im Detail. Im dritten Buch schliesslich steht die Reformation in St. Gallen im Zentrum. Als gut informierter und theologisch gebildeter Zeitgenosse berichtet er, wie die reformatorischen Anliegen in der Stadt eingeführt und verbreitet wurden, aber auch wie die Stadt nach der verlorenen zweiten Schlacht bei Kappel einen Ausgleich mit der wiedererstarkten Fürstabtei suchen musste. Seinen Freund Vadian schildert er als überlegenen Theologen, geschickten Bürgermeister, tatkräftigen Reformator und liebenswerte Privatperson. Viele Ereignisse der St. Galler Reformationsgeschichte sind in Kesslers Chronik ausführlich beschrieben; einige – wie das 1524 eingeführte städtische Armenmandat – sind sogar nur hier überliefert.

Weiterführende Literatur und Links:

  • Digitalfaksimile bei E-Codices
  • Beschreibung im Verbundkatalog HAN
  • Kessler, Johannes. Sabbata: mit kleineren Schriften und Briefen, unter Mitwirkung von Emil Egli und Rudolf Schoch hrsg. vom historischen Verein des Kantons St. Gallen, St. Gallen 1902.
  • Gamper, Rudolf. Repräsentative Chronikreinschriften in der Reformationszeit, in: Aegidius Tschudi und seine Zeit, hrsg. v. Katharina Koller-Weiss und Christian Sieber, Basel 2002, S. 269-286.
  • Mehr Informationen finden Sie auch unter Reformation findet Stadt

Kaufmännisches Rechnen anno 1546 – Ein schön und nutzlichs Rechenbüchlin von Clemens Hör

Kaufmännisches Rechnen anno 1546 – Ein schön und nutzlichs Rechenbüchlin von Clemens Hör
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VadSlg Ms 418 fol 50v-51r

„Es gadt ain Bott alltag 6 Mil und ist 30 Meyl gegangen, nun schickt man ain anderen Botten hienach zůnen, derselbig mag ain Tag 8 Myl gon, in wievil Tagen erloufft der letst den ersten?“ (fol. 226v). Solcherlei und viele weitere Rechenaufgaben stehen im „schön und nutzlichs Rechenbüchlin“ des St. Gallers Clemens Hör (1515-1572), welches er jedem „anhebenden Junger“ empfiehlt (fol. II). Solche Rechenbücher gehörten zur frühen und von Anfang an äussert populären Fachliteratur in deutscher Sprache und zeugen vom damaligen Wissen und Bedarf an Mathematik. Sie lassen aber auch Rückschlüsse darauf zu, wie Mathematik unterrichtet wurde. Hör ist als Autor mehrerer gelehrter Werke bekannt. In der Vadianischen Sammlung befinden sich unter anderem astronomische Tabellen zur Positionsberechnung der Himmelskörper, sogenannte Ephemeriden, eine Bauanleitung für ein Astrolabium, sowie zwei Almanache. Nebenbei komponierte er auch Orgelstücke und mehrstimmige Chorwerke auf der Grundlage von Bibeltexten. Zwischen 1546 und 1555 war er Lehrer an der städtischen deutschen Schule, danach Pfarrer in Grub, Trogen und Arbon.

Dieser breite Interessenshorizont war für einen Lehrer der deutschen Schule nicht untypisch. Denn neben den elementaren Kenntnissen in Lesen, Schreiben und Rechnen wurde auch Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie unterrichtet. Besonders die praxisbezogenen Fächer waren für eine Handels- und Handwerkerstadt wie St. Gallen ein Grundbedürfnis. Denn die steigenden Handelsumsätze, die zunehmende Bedeutung des Fernhandels sowie die Einführung von Gesellschaften und Verlagen als neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation setzten umfangreiche Rechenkenntnisse voraus. Dabei bediente man sich häufig selbst geschriebener Rechnungsbücher, die mit konkreten Handlungsanweisungen und praktischen Beispielen den Stoff erklärten. Um die Repetition des Stoffes oder ein Selbststudium zu erleichtern, wurden die Bücher auf Deutsch in einer standardisierten Prosa verfasst.

Inhaltlich orientierte sich Hör an den bekannten Rechnungsbüchern seiner Zeit, wie beispielsweise dem „Rechenung auff der Liniehen und Federn“ des berühmten Rechenmeisters Adam Ries (1492-1559) von 1522. Hör verzichtete aber auf einer Darstellung des Rechnens auf der Linie, also dem Rechnen auf dem Rechentisch, obwohl dies damals noch durchaus üblich war. Und auch das Fingerrechnen ist für angehende Kaufleute nicht von Interesse. Hör konzentrierte sich auf das schriftliche Rechnen mit der Feder. Denn sein erklärtes Ziel ist es, dass „niemant ubergange noch vervorteile sein Brůder im handel“ (VadSlg Ms 419, fol. I). Nach einer Vorrede, in welcher im humanistischen Geist der Nutzen der Rechenkunst für den einfachen Mann gepriesen wird, stellt er zunächst Geld- und Masseinheiten vor. Danach führt er im Kapitel „Numeration“ in das arabische Ziffernsystem ein, da die römischen Zahlen für schriftliches Rechnen ungeeignet sind. Anschliessend werden die Grundoperationen Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division anhand einfacher Beispiele erklärt. Dabei werden das Halbieren (Medieren) und das Verdoppeln (Dublieren) als eigene Rechenoperationen aufgeführt. Unter dem Begriff „Prob“ stellt Hör dann zwei Methoden vor, die die Glaubwürdigkeit und Richtigkeit eines Ergebnisses mittels einer einfachen Rechnung bestätigen. In der obigen Abbildung „Von Multiplitierung von Prüchen“ erkennt man zum einen die Berechnung des Kehrwerts, zum anderen als Randbemerkung in Kreuzform die Neunerprobe. Das Ergebnis ist dann mit „facit“ gekennzeichnet. Der Hauptteil ist der „Practica“ mittels „vil schöner lieplich und nutzlich Exempla“ (fol. IIIr) gewidmet. Hör bietet dort eine umfangreiche Sammlung von Beispielaufgaben aus der Handwerks- und Kaufmannspraxis an. Neben Wechsel- und Gesellschaftsrechnen (Zins- und Kreditberechnung), Umrechnungen von Masseinheiten, Arbeitszeit- und Lohnberechnungen, Warenwertabschreibung (Regula fusti), wird auch der Dreisatz (Regel Detri), das Wurzelziehen (Radixieren) und anspruchsvollere Algebra (Regula falsi) erläutert. All dies erfolgt mit demselben didaktischen Aufbau von Definition, Erklärung der Rechenschritte und Kurzbeispiel.

Weiterführende Literatur:

Kleider machen Leute – Das Trachtenbuch von Georg Straub, St.Gallen 1600

Kleider machen Leute – Das Trachtenbuch von Georg Straub, St.Gallen 1600
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VadSlg Inc 960, fol 38

Mit dem „Trachten- oder Stammbuch, darinn aller fürnembster Nationen Völcker, Manns unnd Weibs Personen in ihren Kleydern, artlich abgemahlt, nach jedes Landes Sitten und Gebrauch, so jetziger Zeyt getragen werden, und zuvor niemals im Truck aussgangen“ legte der St. Galler Buchdrucker Georg Straub (1568-1611) seinen Mitbürgern die weite Welt zu Füssen. In einer lateinischen (VadSlg Inc 960) und in einer deutschen, kolorierten Ausgabe (VadSlg Inc 961) präsentierte er in einer umfangreichen Sammlung von Holzschnitten die Völker und Stände der vier Erdteile um 1600. Neben Angehörigen diverser europäischer Länder und Städte werden auch Brasilianer, Indianer aus Florida, Äthiopier, Perser und Türken gezeigt. Sie präsentieren sich paarweise in der typischen, ihrem Stand und ihrem Beruf entsprechenden Kleidung. Ergänzt werden die Bilder mit lateinischen oder deutschsprachigen Reimen.

Georg Straub war der jüngere Bruder von Leonhard Straub (*1550), der als erster Buchdrucker sechs Jahre in St. Gallen gearbeitet hatte, bis er sich 1584 über Zensurvorschriften hinwegsetzte und mitsamt seiner Familie bei Entzug des Bürgerrechts aus der Stadt verwiesen wurde. Trotz dieser unglücklichen Geschichte oder vielleicht eben deshalb errichtete Georg im väterlichen Haus an der Webergasse 1599 eine Offizin. Von Geldsorgen geplagt, vom Zensor bedroht, musste sich Straub mit populären Drucken über Wasser halten. Mehrmals bat er den Abt, aber auch Bürgermeister und Rat um ein Darlehen. Schliesslich konnte er 1611 auf Geheiss der städtischen Obrigkeit das grosse Sitten- und Polizeimandat drucken, wofür er gemäss einem Eintrag im städtischen Seckelamtsbuch 127 Gulden und 20 Kreuzer erhielt. Ausgeben konnte er den Gewinn wohl nicht mehr, da er wenige Monate später an der Pest starb.

Diese beiden Hauptwerke aus der Druckerei Straub, welche in einem Abstand von elf Jahren entstanden sind, widersprechen und ergänzen sich pikanterweise gleichzeitig. Adressiert ist es an dasselbe Zielpublikum, der Urheber jedoch ist ein anderer. Will das Trachtenbuch den Glanz und die Pracht der ganzen Welt einfangen, so wendet sich das Sittenmandat explizit „wider die Hoffart“. Der oben abgebildete St. Galler Kaufmann und seine Frau sind mit Halskrausen und Manschetten aus Spitze, Seidenbändern und sonstigem Zierrat modisch gekleidet. Der Mann gibt sich gemäss dem deutschsprachigen Vers weltmännisch: „Weil die Kauffleut thun raisen vehr/ in frembde Landt und uber Mehr/ tragen sie frembde Kleydung auch/ wie in jedem dann ist der brauch“. Wieviel anders klingt das Sittenmandat. Minutiös und detailliert wird in obrigkeitlicher Manier geboten und verboten. Ober- und Unterkleider, Hosen, Jacken, selbst Kinderkleider wurden reglementiert. Ebenso fanden Bänder und Schnüre, wertvolle Stoffe, Spitzen und sonstige Verzierungen Missfallen des Stadtrates. Je nach Stand des Trägers war mehr oder weniger Prunk gestattet. Dies ging so weit, dass Dienstmägde, falls sie die alten Kleider ihrer Hausherrin austragen durften, die samtenen und seidenen Verzierungen entfernen mussten.

Weiterführende Literatur:

  • Icones, quibus habitus omnium fere mundi gentium : tum virili, tum muliebri sexui cuiusvis conditionis, pro more convenientes, et hactenus usitati : suis imaginibus ad vivum exprimuntur, per Georgium Straubium typographum Sangallensem 1600.
  • Ziegler, Ernst. Das grosse Mandat der Stadt St. Gallen von 1611: Obrigkeitliche Vorschriften über Kirchenbesuch, Essen und Trinken, Kleider, Schmuck, Verlobung und Hochzeit. Mit einer vollständigen Wiedergabe des Mandats in Originalgrösse und einem Kommentar. St. Gallen 1983.

Erstes Donatorenbuch von 1615-1750 – Büchergeschenke an die Stadt

Erstes Donatorenbuch von 1615-1750 – Büchergeschenke an die Stadt
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VadSlg Ms 10, fol 18r-19v

Jakob Studer (1574-1622) war der erste vom städtischen Rat gewählte, weltliche Bibliothekar der Stadt. Als passionierter Büchersammler, Buchhändler und interessierter Leser war der Ratsherr Studer für diese Aufgabe prädestiniert und für St. Gallen ein Glücksfall. Aus einer der reichsten Familien der Stadt stammend, konnte er sich qualitativ herausragende, mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln schon früh leisten. Das Frönen dieser Leidenschaft bedurfte neben der notwendigen Finanzkraft aber auch der Pflege eines dichten Beziehungsnetzes mit Gleichgesinnten. Es war deshalb nicht abwegig, dass er 1615 bei seinem Amtsantritt als Stadtbibliothekar ein grossformatiges Donatorenbuch eröffnete. Mit gutem Beispiel vorangehend, schenkte Studer der Bibliothek über hundert Bücher, darunter Meisterwerke wie die Weltchronik von Rudolf von Ems oder ein reich illustriertes Stundenbuch aus dem 15. Jahrhundert. Diese Schenkungen trug er eigenhändig ins Donatorenbuch ein.

Das Donatorenbuch erhielt im Verlauf der Zeit verschiedene Namen, so nannte man es Ehrenbuch, „Honorarium“, Studer selbst sprach jedoch meistens vom Stammbuch. Der Begriff verweist auf die studentischen Freundschaftbücher, die „libri amicorum“, in welchen man Freundschaften und ehrenvolle Bekanntschaften zum Andenken eintrug. Ein Eintrag füllte dabei jeweils eine Doppelseite; ein Sinnspruch auf der einen, eine Zeichnung oder ein Wappen auf der anderen Seite. Ähnlich verhielt es sich im Donatorenbuch. Ein farbenfrohes und reich verziertes Familienwappen und der Eintrag über die Schenkung füllten jeweils eine Seite. Die Vergabungen waren eher als Freundschafts- oder Ehrengeschenke gedacht, als eine freiwillige Spende an eine staatliche Institution. Solche Wohltätigkeitsbeweise an die Stadt gehörten als selbstverständliche Pflicht der Obrigkeit und der wohlhabenden Familien zum guten Ton. Hinzu kam, dass das Donatorenbuch für jedermann einsehbar in der Bibliothek auflag und damit Zeugnis über die Grosszügigkeit gewisser Mitbürger ablegte.

Das Donatorenbuch beginnt mit der Lebensgeschichte von Joachim von Watt (1483/4-1551), verfasst von seinem Freund und Zeitgenossen Johannes Kessler. Schliesslich war Vadian mit der testamentarischen Schenkung seiner Privatbibliothek an die Stadt ausschlaggebend für die Gründung der Stadtbibliothek. Dem in der „Vita Vadiani“ geschilderten Beispiel solle man folgen und damit sein Andenken auf alle Zeiten ehren. Daran schliesst, wie oben abgebildet, der Eintrag von Jakob Studer mit Familienwappen an. Eine Widmung an den Leser und eine Mahnung an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens kommen im Anschluss. Auf den Folgeseiten sind dann die Bücher verzeichnet, die Studer selbst der Bibliothek schenkte, eingeteilt in Handschriften und gedruckte Bücher und geordnet nach Sprachen. Bis 1750 folgten ihm über 200 Schenker nach und verewigten sich damit im Donatorenbuch. Diese Grosszügigkeit war und ist bis heute ein Glücksfall. Denn die wertvollsten Bestände kamen zu dieser Zeit in die Bibliothek und begründen bis heute den nationalen und internationalen Ruf der Vadianischen Sammlung der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

Weiterführende Literatur:

  • Gamper, Rudolf. Sum Jacobi Studeri Sangallensis: die Sammlung des bibliophilen Kaufmanns Jakob Studer (1574-1622) in der Vadiana, St. Gallen 2001.