»Chartularium Sangallense

Was sind Urkunden?

Urkunden gehören zu den wichtigsten schriftlichen Quellen des Mittelalters. Dabei handelt es sich um Freiheiten, Verträge, Vergleiche in Streitangelegenheiten, Bündnisse usw. vorwiegend auf Pergament. Aus diesen Königs-, Papst- und Privaturkunden schöpfen historisch Interessierte ihre Informationen. Was die Urkunden besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass sie nördlich der Alpen bis 1400 nahezu die einzigen Zeugnisse für Fragen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte darstellen.


Was ist ein Urkundenbuch?

Die von Hand geschriebenen Urkunden nützen der Geschichtsforschung aber nur, wenn sie auch benützt werden können. Wer aber kann heute noch alte Handschriften im Original lesen? Eine Urkundenedition liefert die buchstaben- und wortgetreue Umschrift des Originals (Transkription) mit einem Inhaltsbeschrieb sowie mit Sach- und Textanmerkungen. Auf diese Weise wird ein Urkundenbuch zum leicht benutzbaren Grundlagenwerk für alle, die sich für historische Fragen interessieren. Das sind nebst Historikern und Historikerinnen Juristen, Volkskundler, Sprachinteressierte, Namensforscher usw. Sie alle müssen nicht mehr mühsam alte Handschriften entziffern und ins Archiv gehen, sondern finden die Informationen in der Urkundenedition.


Das Chartularium Sangallense

Das St.Galler Urkundenbuch mit dem Namen „Chartularium Sangallense“ ist die Neubearbeitung und Erweiterung eines aus dem 19. Jahrhundert stammenden Urkundenbuches. Es umfasst bereits neun Bände mit den Urkunden vom Jahr 1000 bis 1397. Das Gesamtprojekt endet gemäss Editionsplan mit den Urkunden des Jahres 1411. Es sind noch zwei weitere Bände geplant. In Bearbeitung (durch das Stiftsarchiv St.Gallen) sind auch die ersten beiden Bände mit den frühmittelalterlichen Urkunden. Am Schluss werden die Bände 1 bis 4 des veralteten Urkundenbuches der Abtei Sanct Gallen aus dem 19. Jahrhundert durch die 13 Bände des neuen Chartularium Sangallense ersetzt sein.

Der Bearbeitungsaufwand ist sehr hoch. Es gibt nur noch wenige Fachleute, die eine derart spezialisierte Arbeit machen. Voraussetzungen dafür sind eine gründliche Ausbildung im Lesen und Interpretieren alter Handschriften und eine breite Kenntnis der Fachliteratur. Zudem kosten solche Projekte, weil sie eine lange Laufzeit haben, viel.

Auf der anderen Seite ist der Nutzen aber sehr gross. Jede seriöse Kantons- oder Ortsgeschichte und fast jede Untersuchung, die sich mit dem Mittelalter befasst, muss auf Urkunden und somit Urkundeneditionen zurückgreifen. Sie sind der „Rohstoff“ der Mittelalter-Geschichtsschreibung. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass durch die Neubearbeitung im Rahmen des Chartularium Sangallense mehr als 40% neue, das heisst bisher nicht bekannte Urkunden veröffentlicht und damit der Forschung zugänglich gemacht werden.

Um die Benutzung noch leichter und weltweit zugänglich zu machen, wird das gesamte Werk digitalisiert und über das internationale Urkundenportal www.monasterium.net ins Internet gestellt. Dabei werden den edierten Texten aus dem Chartularium Sangallense Abbildungen der Originale der im Stadtarchiv und im Stiftsarchiv St.Gallen vorhandenen Urkunden beigefügt. Auf diese Weise sind die Texte aller und die Bilder vieler Urkunden allen Interessierten weltweit leicht zugänglich.

Die Projektleitung der Bände 3 bis 13 (Jahre 1000 bis 1411) liegt beim Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, jene der Bände 1 und 2 (vor dem Jahr 1000) liegt beim Stiftsarchiv St.Gallen.

Bisher sind folgende Bände erschienen:
Band I: 700 – 840
Band III: 1000 – 1265
Band IV: 1266 – 1299
Band V: 1300 – 1326
Band VI: 1327 – 1347
Band VII: 1348 – 1361
Band VIII: 1362 – 1372
Band IX: 1373 – 1381
Band X: 1382 – 1389
Band XI: 1390 – 1397
Band XII: 1398 – 1404


Literaturhinweis

Urkunden – mehr als „nur“ Rechtsquellen. Erfahrungen und Beobachtungen aus der Neubearbeitung des St.Galler Urkundenbuches (Chartularium Sangallense), in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 58/1, Basel 2008, S. 20-50.
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