Ein Augenzeuge berichtet: Die St. Galler Reformation in der Chronik von Johannes Kessler

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Einleitung
Ein Augenzeuge berichtet: Die St. Galler Reformation in der Chronik von Johannes Kessler
Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, Ms 72, fol. 166r-166v.

Der St. Galler Reformator und Freund Vadians, Johannes Kessler, erzählt in seiner Chronik die Geschichte, wie Magdalena Müller und Barbara Mürgler – beide Bürgerinnen St. Gallens – sowie die in St. Gallen als Dienstmagd arbeitende und aus Appenzell stammende Frena (Verena) Baumann religiösen Wahnideen verfallen seien. Magdalena Müller wird explizit als Täuferin bezeichnet. Diese und Frena gaben sich gemäss Kessler als Christus aus. Ihre Anhängerschaft schien inner- und ausserhalb der Stadt immer grösser geworden zu sein. Frena gab sich überzeugt, den Antichristen gebären zu müssen, dann wiederum bezeichnete sie sich als die grosse babylonische Hure. Das Auftreten der Frauen mobilisierte viel neugieriges Volk in Stadt und Umland. Die Frauen gelangten schliesslich in die Gewalt der Stadt, wo Bürgermeister und Rat angesichts des grossen Zulaufs unsicher über das weitere Vorgehen waren. Magdalena Müller und Barbara Mürgler wurden ihren Angehörigen übergeben, die sie isolieren mussten. Frena Baumann weigerte sich, nach Appenzell abgeschoben zu werden, und wurde daher in der St. Galler Krankenherberge für Fremde in Ketten gefangen gehalten. Nach sechs Wochen wurde sie aus der Stadt gewiesen. Ihre Anhängerschaft lief ihr nach, auch Bauern und Bäuerinnen folgten ihr in grosser Zahl. Alle seien – so Kessler – einem religiösen Wahn verfallen: Sie arbeiteten nicht mehr, verachteten ihr eigenes Hab und Gut sowie ihre Kinder und Ehepartner, warfen Geld und Kleider auf die Strasse und waren überzeugt, dass Gott sie ernährte. Mit dem Winter – so Kessler ironisch – seien etliche wieder zur Vernunft gekommen. Kessler berichtet von weiteren religiösen Auswüchsen und Entgleisungen. Mit seinen detailreichen Schilderungen sowie vermutlich bewussten Übertreibungen versuchte er, die Täufer als Gefahr zu diskreditieren. Aus anderen Dokumenten erfährt man, dass Barbara Mürgler rückfällig wurde, sich den Täufern anschloss und 1526 für immer aus der Stadt verwiesen wurde. Magdalena Müller wurde wegen Unzucht und religiösen Wahns verurteilt und ebenfalls aus der Stadt gewiesen.

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Übung
Ein Augenzeuge berichtet: Die St. Galler Reformation in der Chronik von Johannes Kessler
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Resultat
Ein Augenzeuge berichtet: Die St. Galler Reformation in der Chronik von Johannes Kessler
Die Transkription lautet:
Uff den volgenden Tag zuo Abend komend sy widerumb zuo-
samen. Do redet die Frena bis in die Mittnacht von grusamen Dingen,
thett och die gantzen Nacht nie kainen Schlaff und sprach, sy
muoste zwölff Jünger haben, dann sy gab sych uss, sy were
Christus, und die andren globtendts. Nun war noch an Gespil,
die hieß Wibradt, aber sy verkart ir den Namen und hieß sy
Martha. Da befalchs sy den anderen, man solt an Morgen fruo
zuo ir gon und sprechen: Der Herr hatt mich zuo dir gesandt,
das du dich rustest von Stund an und im nachvolgest. Die
Martha kam und war gehorsam. Und an Morgen giengend
sy vor Tag hinweg. Und als sy zuo dem Huß ußgiengen, sprach
Frena: Wer dem Herren nachvolgen well, der komme.
Erörterung:
Am folgenden Tag, am Abend, kamen sie (Magdalena Müller, Frena Baumann und weitere Frauen) erneut [widerumb] zusammen. Da sprach Frena bis Mitternacht von grausamen Dingen, schlief auch die ganze Nacht nicht und sprach, sie müsse zwölf Jünger haben: Denn sie gab sich als Christus aus, und die anderen glaubten es. Es gab noch eine Gefährtin [Gespil], die Wibrath hiess. Aber sie (Frena) kehrte ihr den Namen um und nannte sie Martha. Da befahl sie den anderen, man solle am Morgen früh zu ihr (Wibrath alias Martha) gehen und sprechen: Der Herr hat mich zu dir gesandt, dass du dich ab dieser Stunde vorbereitest [rustest] und ihm nachfolgest. Die Martha kam und war gehorsam. Und am Morgen gingen sie vor Tagesanbruch weg. Und als sie aus dem Haus gingen, sprach Frena: Wer dem Herrn nachfolgen will, der komme.

Johannes Kessler beschreibt in seiner Reformationschronik "Sabbata" viele solche Geschichten. In lebendigem Stil schildert der gut informierte Erzähler die Ereignisse von 1519 bis 1539 mit Fokus auf die Stadt St. Gallen und ihre Umgebung. Seine Absicht war es, das ursprüngliche, echte und auf dem Evangelium beruhende Christentum dem Papsttum gegenüberzustellen. Das Christentum war für Kessler durch Traditionen und Verfälschungen im Laufe der Jahrhunderte vom rechten Weg abgekommen. Die Reformation war für ihn darum nichts anderes als die Rückkehr zum neuerwachten Evangelium bzw. die Rückkehr auf den richtigen Heilsweg. Den Titel "Sabbata" trägt die Chronik deshalb, weil sie an den "Sabbaten, das sind an den Fyrtagen und Fyrabendstunden, so menglich an der Handarbait ruwet und müssig gat, zu Nacht schlaft oder under Abend Kurzwil tribt" verfasst wurde. Kessler schrieb die Chronik also nebst seiner Arbeit als Sattler in seiner Freizeit, während andere dann ihre Arbeit ruhen liessen. Kesslers ursprünglicher Plan war gewesen, Pfarrer zu werden, und er ging deshalb 1522 zum Studium nach Wittenberg. Fasziniert von Luthers Lehre musste er seinen Wunsch aufgeben, denn evangelische Pfarrstellen gab es damals noch nicht. Deshalb arbeitete Kessler nach seiner Rückkehr nach St. Gallen als Sattler. Die reformierten Glaubensinhalte konnte er auch als Laie verbreiten: Er hielt bald nach seiner Rückkehr die sogenannten "Lesinen", Bibelstunden für die breite Öffentlichkeit. Diese stiessen auf so grossen Anklang, dass Kessler bald ein wichtiger Verfechter der St. Galler Reformation war. Kessler stützte sich bei seiner Abfassung der "Sabbata" auf zahlreiche Quellen: Eigene Erlebnisse stehen neben den Berichten verschiedener Gewährsleute. Die wichtigste Informationsquelle war zweifellos sein Freund Vadian, der sich an vorderster Front für die Reformation einsetzte. Zu den weiteren Quellen gehören Broschüren, Flugblätter und Briefe, in deren Besitz er gelangte. Die "Sabbata" ist ein gross angelegtes Werk und umfasst sieben Bücher. Die Teile III bis VII berichten detailreich über den Beginn und Verlauf der Reformation in St. Gallen und im angrenzenden fürstäbtischen Gebiet, in der Eidgenossenschaft sowie im Reich. Umfangmässig und betreffend Einzelheiten erhalten die Vorgänge in St. Gallen und der Ostschweiz den grössten Platz. Ereignisse der europäischen Politikwie der Bauernkrieg oder die Belagerung Wiens durch die Türken finden ebenfalls regelmässig Erwähnung. Die Verdienste Vadians für die Reformation werden immer wieder lobend erwähnt. Besondere Wertschätzung erfahren die verfolgten reformierten Glaubensgenossen. Ihr Beispiel soll den reformierten Leserinnen und Lesern als Vorbild dienen. Die Einflechtung von Geschichten – wie derjenigen von Magdalena Müller, Barbara Mürgler und Frena Baumann – dient der Anschaulichkeit und steigert die Dramatik der Ereignisse.